Was hat die Fachlichkeit mit Politik zu tun?

Mir wurde bei meinem letzten Vortrag von einem Zuhörer folgende Frage gestellt:
„Das ist ja ganz schön und wichtig, wenn Sie auf die notwendige Fachlichkeit pochen. Aber wäre es nicht auch notwendig, dass Soziale Arbeit politisch wird?

meine Antwort:

Das sind keine Gegensätze, ganz im Gegenteil: sie gehören sogar eng zusammen.

Bei der Forderung nach Fachlichkeit, nach der Anerkennung der fachlichen Expertise etc. geht es zwar auch um berufspolitische Fragen, um die gesellschaftliche Anerkennung der Sozialen Arbeit als Profession, um die Tatsache, dass die professionelle Soziale Arbeit ein Konzept hat, das für alle nur möglichen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit dasselbe ist.

Aber es geht dabei um weit mehr.
Tatsächlich ist die Forderung, das klassische, humanistisch und wissenschaftlich orientierte Konzept umzusetzen und sich gegen die neoliberale Transformation zu wehren, eine unmittelbar politische Forderung. Die Konzeptfrage beinhaltet nämlich die Frage nach dem Menschenbild und nach der Sicht auf die menschliche Gesellschaft. Das professionelle Konzept der Sozialen Arbeit stellt die neoliberale Berechtigung, alles Menschliche und Soziale als Waren, als Produkte aufzufassen, zu bewerten und zu behandeln radikal infrage! 
Das professionelle, Konzept betont außerdem die Verantwortung des Staates für die Schäden und Belastungen, die das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem einer Gruppe von Menschen zumutet und verurteilt die neoliberale Ideologie, die den Menschen für alle ihre Probleme die Schuld und alleinige Zuständigkeit zuschiebt.

Der Streit um das richtige, das passende und das gewollte Konzept ist also auch ein politischer Streit.
Zum weiteren ist die Anwendung des professionellen Konzeptes schon deshalb eine politische Herausforderung an den Neoliberalismus, weil es darum geht, wirkliche Unterstützung und Hilfe für die KlientInnen anzubieten.
In meiner (hier im Blog veröffentlichten Befragung von 2024 haben 98% der befragten PraktikerInnen die Frage: „Bekommen deine KlientInnen deiner Meinung nach die Hilfe, die sie brauchen? Mit „Nein“ geantwortet.
Die neoliberale Soziale Arbeit lässt einen großen Teil der klassischen Klientel der Sozialen Arbeit im Stich, überfordert sie oder reagiert mit Druck und Sanktionen. Der Kampf um Professionalität und um die Akzeptanz der sozialarbeiterischen Fachlichkeit ist somit auch der politische Kampf für bessere, angemessenere Hilfen und für eine wirkliche Unterstützung der betroffenen Menschen.

Soziale Arbeit ist eine hochpolitische Angelegenheit  so oder so.

Hier weitere Texte zum Thema Politisierung der SozialenArbeit

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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