Interview zu meinem Buch mit dem Redakteur des österreichischen Berufsverbandes odbs

Foto entnommen der Zeitschrift SIÖ

Im November bat mich der Redakteur der Zeitschrift des österreichischen Berufsverbandes für Soziale Arbeit um ein Interview zu meinem neuen Buch: Das Interview erschien inzwischen in der Dezemberausgabe der Zeitschrift SIÖ unter dem Titel:

„… und immer weiter optimieren“
Die SIÖ-Redaktion im Gespräch mit Mechthild Seithe

Ü b e r S oz i a l e A r b e i t i m N e o l i b e r a l i s m u s

hier nachzulesen

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War die Soziale Arbeit vor 40 Jahren wirklich besser als heute?

Eine immer wieder gestellte Frage nach meinen Vorträgen

Eine Klarstellung

Die Narrative, dass die Soziale Arbeit in früheren Zeiten verschwenderisch mit Geld umgegangen sei, sich die SozialarbeiterInnen gerne an Fällen unendlich lange festgehalten hätten, um den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, dass sie  sich von KlientInnen vor den Karren haben spannen lassen, dass Soziale Arbeit damals völlig willkürlich agiert habe, ohne wirkliches Konzept und  gerade so, wie das Bauchgefühl es einem eingab und dass sie sich um ihre tatsächliche Wirkung nicht geschert habe – nach dem Motto: „die gute Absicht reicht“ ….…. diese Narrative haben sich mit Beginn der Sozialstaats-Schelte um die Jahrtausendwende herum tief in das Bewusstsein der Bevölkerung und damit auch in die Vorstellungen heutiger SozialarbeiterInnen eingegraben.

Im Schwarzbuch Soziale Arbeit (2012) habe ich diesen ideologischen Wertewandel in der Sozialpolitik ausführlich beschrieben (S. 136ff). Die neoliberale Kritik am Sozialstaat machte diesen zum Schuldigen an der sozialen und ökonomischen Situation Ende des alten und Anfang des neuen Jahrhunderts: So lautet z. B. einer der Vorwürfe, im Sozialstaat würde die Höhe der Leistungen im Falle von Arbeitslosigkeit die Motivation der Menschen untergraben, sich unter allen Umständen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Die neue neoliberale Sozialpolitik versteht sich als selbstkritische Korrektur einer im Nachhinein als fehlerhaft und verschwenderisch beurteilte Sozialpolitik des Sozialstaates (vgl. Dahme 2008, S. 47).
Der Sozialen Arbeit wurde jetzt „ineffektive wohltätige Gefühlsduselei“ vorgeworfen, die eine Wohlfahrtsabhängigkeit nach sich ziehe (vgl. Böhnisch et al. 2005, S. 118f). Die bisher im Sozialstaat zumindest in Grenzen anerkannte Profession Soziale Arbeit wurde nun zunehmend skeptisch betrachtet, ihre bis dahin akzeptierte fürsorglich altruistische Motivation sowie ihr Anspruch auf Allzuständigkeit und umfassende Kompetenz wurden als Hybris in Frage gestellt bzw. als anmaßende, potentiell entmündigende Machtausübung gegenüber ‚klientifizierten’‚ AdressatInnen kritisiert (vgl. Ziegler 2008, S. 164).

Diese Kritik war zweckorientiert und spiegelt in keiner Weise den Zustand der damaligen Sozialen Arbeit wider. Natürlich gab es damals Manches, was heute in der Sozialen Arbeit selbstverständlich ist, noch nicht: Es gab z.B. nur wenig Arbeit mit Ausländern und Migranten oder die Sensibilität für die  Benachteiligung von Frauen war deutlich weniger ausgeprägt. Aber darüber hinaus sah die Soziale Arbeit in vieler Hinsicht deutlich anders und ja, ich sage es ganz klar: besser aus. 

Die offizielle Wahrnehmung heute ist: ‚Erst die Wende zu Neoliberlaismus und die Einführung der Neuen Steuerung hat die alte autoritäre Fürsorge orientierte Soziale Arbeit der Nachkriegszeit unmittelbar abgelöst. Dazwischen hat es nichts gegeben.‘
Und nicht nur die überzeugten neoliberalen VertreterInnen der Profession negieren die massiven und bis heute wichtigen Veränderungen in der Sozialen Arbeit in der Zeit des Sozialstaates, auch kritische SozialarbeiterInnen sind skeptisch, wenn es um die Frage geht, ob es im Sozialstaat der 70 und 80er Jahre wirklich eine praktizierte emanzipatorische Soziale Arbeit gab.

Geburtsstunde des professionellen Konzeptes der Sozialen Arbeit

Es gibt inzwischen nicht mehr viele SozialarbeiterInnen aus dieser Zeit, die aus eigener Erfahrung sprechen können und diesen Narrativen widersprechen könnten.

Dass es aber durchaus – zumindest in den großen Städten – in dieser Zeit eine veränderte, eine ethisch reflektiertere Soziale Arbeit gab, und diese nicht nur in Fachartikeln als Utopien vertreten und entwickelt wurden, lässt sich anhand von Erfahrungsberichten, Modellphasen wie die „Neuorganisation“ und an damals öffentlich gemachten Konzepten nachweisen.

Ein Beispiel ist das Buch von Dietrich Kühn von 1994, der u. a. über die „Modellbewegung zur Neuorganisation der Sozialverwaltung ab 1970) schrieb (s. 89ff). Die Modellprojekte fanden in der Zeit von 1968 bis ca. 1990 in etlichen westdeutschen Großstädten (z.B. Trier, Bremen, Dortmund, Stuttgart, Braunschweig, essen, Hannover, Wuppertal, Bielefeld, Münster u.a) statt. Kühn fasst die Ergebnisse der in 4 Phasen verlaufenden Modellprojekte unter folgende Punkten zusammen:
* Auflösung der Arbeitsteilung in Innen- und Außendienst
* Dekonzentration Sozialer Dienste
* Erhöhung der Entscheidungsbefugnis der Sozialarbeiter
* Die professionelle Handlungskompetenz der sozialarbeiterischen Akteure bestimmen die Arbeitsvollzüge der Sozialarbeiter im Wesentlichen mit.
Als wichtige Neuerungen in der Ausbildung der SozialrbeiteriInnen nennt Kühn: „In der theoretisch-wissenschaftlichen Diskussion wurden nunmehr stärker die gesellschaftlichen Ursachen von soszialen Problemen herausgearbeitet. Individuelle Abweichungen wurden auf Armut, Arbeitslosigkeit und Wohungsnot zurückgeführt., eine persönliche Schuldzuweisung abgelehnt. „
Die veränderte sozialarbeiterische Praxis dieser Zeit beschreibt Kühn wie folgt: „Die politische Aktivierung tritt in den Vordergrund ebenso wie sozialpädagogische Beratung; restriktive Ermittlungs- und Kointrolltätigkeit bleibt als Restbestand reaktiver Einzelfallarbeit übrig. Die Professionalisiserung der Sozialerbeiter schreitet fort und bewirkt einen Druck auf den Abbau von Bürokratieund auf eine Professionalisierung der Organisation, d.h. auf die Etablierung professioneler Standards.
Das Eigeninteresse der Sozialarbeiter an verbesserten Arbeitsbedingungen, Statusverbesserung, höheren Entschedungskompetenzen ist hoch; sie wurden aktiv und entwickelten selbst Konzepte. Es entsteht eine aktive Dienstleistungsorientierung, die die Bedürfnisse der Klientel/Bürger in den Mittelpunkt stellt und nicht die reibungslos Verwaltungsroutine
.“

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Was machen SozialarbeiterInnen anders als Laien?

Frage eines Zuhörers:

Und inwiefern unterscheidet sich die Praxis von Sozialarbeitenden von Care-Arbeit, wie sie beispielsweise in Familien oder Freundeskreisen geleistet wird?  Was ist das Spezifische an Sozialer Arbeit?  

Man könnte jetzt einfach sagen: dass hier Care-Arbeit professionell ausgeübt wird.  

Aber ich will das etwas genauer beschreiben:    

  • Laien verfügen in der Regel weder über den wissenschaftlichen und empirischen Hintergrund, noch haben sie die Voraussetzung, die Sachlage einer sozialen Lebenswelt-Problematik auf diesem Hintergrund angemessen und differenziert zu analysieren.
  • Darüber hinaus sind sie nicht geschult in der Entwicklung von Handlungsstrategien, die auf der Basis einer Fülle von vielen alternativen Möglichkeiten gezielt und für den Fall passgenau herausgefiltert werden.  
  • Professionelle SozialarbeiterInnen verfügen über viele unterschiedliche methodische Möglichkeiten und Kompetenzen und ihre Methodenwahl kann gezielt und passgenau erfolgen und ist nicht dadurch begrenzt, was jemand zufällig kennt oder beherrscht.
  • Sie verfügen außerdem über Vermittlungswissen in einem umfassenden und vertieften Maße das über „ich kenne da jemand“ weit hinausgeht.
  • Sie verfügen über ein Wissen zu rechtlichen Fragen und Zusammenhängen, dass in diesem Umfang und in dieser Breite bei Laien in der Regel nicht vorausgesetzt werden kann.

Und schließlich auch, – und das darf man nicht vergessen – handelt die professionelle SozialarbeiterIn immer auch im gesellschaftlichen Auftrage des Staates und unter Berücksichtigung seiner Gesetze und Regelungen muss – wenn auch nicht selten im Widerspruch zu ihnen.

Das hat Konsequenzen für ihre Rolle im Umgang mit der KlientIn:

Professionelle Soziale Arbeit –

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Was ist professionelle Soziale Arbeit?

Frage eines Zuhörers bei der Vorstellung meines Buches in Berlin am 4.12.25 (verdi-Veranstaltung):
O.k., das ist klar: Nicht das Sozialmanagement und die Betriebswirtschaft machen aus der Sozialen Arbeit eine Profession… aber was ist dann professionelle Soziale Arbeit wirklich?

Es kommt zunächst einmal auf den Professionsbegriff an.
Hält man die berufsstrukturelle Perspektive (sozialer Staus, Selbstregulierungskapazität und Einkommen) für die entscheidenden Kriterien für Professionalität, dann ist Soziale Arbeit in unserer Gesellshaft sicher keine Profession.

Aber es gibt eine andere Definition, die ganz andere Kriterien setzt (vgl. z.B. Heiner 2004):
Hier geht es um die Frage, ob Fachkräfte eines Berufes die angestrebten Resultate bei der Erledigung bestimmter Aufgaben erzielen und danach nach ihren beruflichen Standards handeln dürfen und können.

Unter dieser Definition wäre die Soziale Arbeit durchaus eine Profession – vorausgesetzt, dass sie es unter den neoliberalen Bedingungen  bleiben kann und soll. Es ist die Frage, ob es uns heute gelingt, nach unseren beruflichen Standards zu handen.

Etwas ausführlicher definiert z.B. Nadai ein professionelles Berufsfeld bzw. die Tätigkeit von professionellen Fachkräften anhand folgender Kriterien:

  • Einsatz von theoretischem, empirischen und Erfahrungswissen    
    Die professionellen Fachkräfte sollten zudem über die notwendigen Reflexionskompetenzen verfügen, welche ihnen zu den entsprechenden fachlichen Begründungen bzw. Erkenntnissen verhelfen. Diese sind erforderlich, um die kommenden Interventionen erarbeiten und angemessen durchführen zu können.
  • Keine Standardisierbarkeit     
    Der Gegenstand einer Profession ist komplex, systemisch und ganzheitlich organisiert. Die professionelle Fachkraft versucht der Komplexität des Gegenstandes selbst, aber auch der Komplexität der Problemsituation gerecht zu werden und die Fakten weder zu vereinfachen noch sich auf Ausschnitte zu beschränken.
  • Autonomie der professionellen Entscheidung und die Fähigkeit, diese zu begründen.
    Der Umgang mit diesen Komplexitäten setzt Fachkenntnisse voraus und einen flexiblen, wissenschaftlich orientierten und der Situation jeweils angemessenen Umgang mit komplexen Sachverhalten. Da eine Bearbeitung durch Routinen hier nicht möglich ist, ohne wesentliche Aspekte außer Acht zu lassen, bedarf es der Autonomie der professionellen Entscheidungen. Als Profession kann und muss Soziale Arbeit ihre Handlungsschritte und fachlichen Entscheidungen selbständig entwickeln und verantworten.
  • Handlungszwang erfordert die professionelle Kunst, unter Zeitdruck und in der Diffusität der Handlungssituation die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Da das Risiko falscher Entscheidungen nicht ausgeschlossen werden kann, besteht die unbedingte Verpflichtung zur – zumindest nachträglichen – Begründung einer Entscheidung.

Nun kann man fragen: Ist Soziale Arbeit nach diesen Kriterien eine Profession?

  • Antwort:
  • Diese Kriterien erfüllt die Soziale Arbeit dann, wenn sie in die Lage versetzt wird, autonom über ihre Entscheidungen und Handlungswege zu entscheiden.
    Ob dies allerdings heute zu Zeiten der neoliberalen Transformation so noch ist, ob es noch gewollt ist und ob die SozialarbeiterInnen es überhaupt noch können und für ihre Aufgabe halten, das muss man sich ernsthaft fragen.
  • Aber, so wie die professionelle Soziale Arbeit sich selbst bisher sieht und gesehen hat, erfüllt sie diese Kriterien:
    • Durch ihr wissenschaftliches Studium haben die Fachkräfte die theoretischen, empirischen Grundlagen erlernt und in der eigenen Praxis wird dieses Wissen durch die eigenen Erfahrungen bereichert und konkretisiert.
  • Erlernt haben sollten sie ebenfalls die Fähigkeit, selbständig in komplexen Situationen auf dem Hintergrund ihres Wissens und ihrer analytischen Erkenntnisse differenzierte und der Situation und dem konkreten Fall angemessene Handlungsschritte herzuleiten und in einer flexiblen und reflektierenden Weise umzusetzen.
  • Sie sollten in der Lage sein, ihre Entscheidungen fachlich zu begründen und verantwortlich durchzuführen. Sie müssen begründen können, warum sie etwas tun und warum sie es genauso tun.
  • Da es sich um eine Tätigkeit handelt, die quasi im Lebensprozess ihrer Klientel abläuft und in diesen integriert ist (keine Schreibtischentscheidungen wie sie etwa in der Verwaltung vollzogen werden und auch keine Gewinnung allgemeiner Erkenntnisse wie in wissenschaftlichen Berufen), müssen sie in der Lage sein, trotz Handlungszwang und Zeitdruck ihr professionelles Handeln aufrechtzuerhalten. Diese Kompetenz wird in der praktischen Erfahrung unter Begleitung einer hohen Reflexivität angeeignet.  
  • Das bedeutet:
  • Unprofessionell handelt eine Sozialarbeiterin z.B.
    • Wenn sie wissenschaftliche Hintergründe missachtet oder außen vor lässt.
    • Wenn sie nicht fachlich begründen kann, warum sie etwas genau so tut.
    • Wenn sie vor der Komplexität kapituliert und Standardisierungen vorzieht, statt sich selbst Gedanken zu machen und passgenaue Pläne zu entwickeln.
    • Wenn sie Fälle über einen Kamm schert und die Einzigartigkeit der Menschen und der Fälle nicht berücksichtigt.
    • Wenn sie nicht in der Lage ist, eigenständige fallspezifische Entscheidungen abzuleiten.
    • Wenn der unvermeidlich Handlungszwang bei ihr dazu führt, dass ihr Handeln zufällig wird oder anderen als den professionellen Kriterien folgt. Wenn sie im Handlungszwang die Kontrolle über ihr Handeln verliert und zufällig zu handeln beginnt, ohne später sagen zu können, warum sie so gehandelt hat bzw.. wie ihr Handeln zu bewerten ist
    • Wenn sie immer ein und dieselbe bzw. nur wenige Methoden anwendet, ohne Prüfung, ob diese Methode im konkreten Fall greifen kann und angebracht ist.
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„Allzuständigkeit“ – was soll das denn heute noch?

Frage eines Zuhörers bei der Vorstellung meines Buches in Berlin am 4.12.25 (verdi-Veranstaltung):
In meiner persönlichen Praxis ist mir bei der verzweifelten Suche nach passenden Hilfsangeboten immer wieder begegnet, dass sich Sozialarbeitende als nicht zuständig erklären. Die Drogenberatung will keine Anträge auf Sozialhilfe ausfüllen. Der Straßensozialarbeiter darf die Grenzen des Bezirks nicht verlassen. Es ist ein bisschen wie am Fließband: Jeder ist nur für einen Teilschritt verantwortlich. In deinem Buch greifst du das auf und schreibst, dass die Soziale Arbeit eine Spezifizierung und Zuständigkeitsbegrenzung verweigern sollte. Kannst du das erklären?

Eine Geschichte aus den ersten Tagen der lebensweltorientierten Schulsozialarbeit…
Da fällt mir eine Geschichte aus der Pionierzeit der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ein. Anne Frommann war eine der ersten professionellen SozialarbeiterInnen, die in den 70ger Jahren eine Anstellung als Schulsozialarbeiterin in einer Schule bekam. Und als sie am ersten Morgen im Lehrerkollegium auftauchte, wurde sie freundlich und neugierig von den KollegInnen begrüßt. „Und was ist Ihr Fach?“ wurde sie sofort gefragt –  denn darüber hatte sich die Schulleitung ausgeschwiegen.
„Lebenswelt“, antwortete Anne Fromann und sah lächelnd in die verblüfften und irritierten Gesichter der neuen KollgegInnen.

Unser Fach ist die Lebenswelt, nicht ein Teil von ihr
Unser Fach ist die Lebenswelt, nicht ein Teil von ihr, keine Spezialisierung auf irgendeinen Bereich oder ein bestimmtes Thema. Es gibt nichts, was zur Lebenswelt eines Menschen gehören kann, das die Soziale Arbeit nicht prinzipiell etwas angehen könnte.
Das bedeutet, dass sie zunächst als AnsprechpartnerIn für alle Themen offen sein sollte, diese ernst nehmen und sich nicht hinter angeblicher Nichtzuständigkeit zurückziehen kann.

Man nennt das in der Profession „Allzuständigkeit“.          
Dieser Begriff ist heute in neoliberalen Zeiten allerdings fast getilgt, zumindest sehr unbeliebt und gilt vielen sogar als Hinweis darauf, dass SozialarbeiterInnen „von vielem ein bisschen aber von nichts wirklich genug wissen“… wird also als ein Merkmal der angeblichen Unprofessionalität gegeißelt. Stattdessen steigt derzeit das Ansehen einer Einrichtung, je mehr sie sich als spezialisiert darstellt und verhält.

Allzuständigkeit als Alleinstellungsmerkmal der Profession
Allzuständigkeit ist keineswegs ein Makel oder Mangel, sondern das Alleinstellungsmerkmal unserer Profession. Dem Aspekt Allzuständigkeit sollte die professionelle Konzeption eine große Beachtung schenken, weil gerade in ihr die besondere Rolle und Funktion Sozialer Arbeit im Vergleich zu anderen Hilfesystemen und Hilfeberufen deutlich wird. Sie ist die einzige Profession, die auf die Ganzheitlichkeit der menschlichen Lebenswelt ausgerichtet ist und sich einer Spezialisierung und Zuständigkeitsbegrenzung verweigern sollte, um für die Klientel einen offenen und unmittelbaren Zugang zu ermöglichen. Das Prinzip der Allzuständigkeit berücksichtigt vor allem auch die Ganzheitlichkeit der Problemlagen.            
Da dieses Alleinstellungsmerkmal inzwischen kaum noch bekannt ist und vor allem völlig falsch interpretiert wird, sollte es deutlich von dem abgegrenzt werden, was entsprechend landläufigen Vorurteilen darin gesehen wird. Es geht weder um Allmachtgefühle noch um die Meinung, alles zu können.

Das Merkmal der „Allzuständigkeit“ der Profession Soziale Arbeit bedeutet nicht, dass diese sich anmaßt, alle Probleme abschließend lösen zu können. Es geht vielmehr darum, dass sie – als zuständig für die komplexe Lebenswelt von Menschen – keine Themen von vorneherein für sich ausschließt.
Das professionelle Konzept fokussiert nicht von vorneherein einen bestimmten Aspekt oder Teil der Lebenswelt, vielmehr sind alle Aspekte für die aktuelle Problematik von möglicher Bedeutung und müssen im Blick behalten werden. Galuske (2007, S. 42) spricht in diesem Zusammenhang von „Themenoffenheit“ bzw. einer „Allzuständigkeit „der Sozialen Arbeit. „Man könnte die These formulieren, dass all die Alltags- und Lebensprobleme zum Gegenstand sozialpädagogischer Interventionen werden können, die die eigenen Hilfepotentiale übersteigen und für deren Bearbeitung sich im Prozess der Modernisierung keine speziellen Professionen herausgebildet haben (etwa der Psychotherapeut für neurotische und psychotische Störungen, der Jurist für Rechtsprobleme usw.“.

Unzutreffende Vorstellungen von Allzuständigkeit
Selbstverständlich kann eine einzelne SozialarbeiterIn niemals Fachmensch für alles sein. Es geht auch nicht darum, dass Soziale Arbeit quasi alles zu einem sozialpädagogischen Problem erklären will. Der Begriff Allzuständigkeit impliziert vor allem, „dass es eine enorme und diffuse Bandbreite von Problemen gibt, die prinzipiell zum Gegenstand Sozialer Arbeit werden können“ (Galuske 2007, S. 37).

Thiersch betont, dass diese schwierige Struktur Sozialer Arbeit – „das Grundmuster von Ganzheitlichkeit, Offenheit und Allzuständigkeit“ (Thiersch 1993, S. 11) – nicht ein beklagenswerter oder dringend zu überwindender Zustand der Sozialpädagogischen Profession sei, sondern vielmehr für Soziale Arbeit konstitutiv. Man könnte sagen, alles, was das alltägliche Leben von Menschen hergibt, kann zum Gegenstand sozialpädagogischer Intervention werden. (vgl. auch Galuske 2007; Seithe 2012).

Ähnlich wie ein Allgemeinmediziner muss Soziale Arbeit über eine breite Qualifikation verfügen, die es ihr erlaubt mit sehr verschiedenen Fragestellungen und Problemen etwas anfangen zu können. Darüber hinaus sollte sie allerdings ihre Grenzen kennen und wissen, an welchem Punkt sie KollegInnen aus anderen Berufsgruppen hinzuziehen muss. Und sie muss informiert sein über das, was andere Professionen oder Einrichtungen leisten können (vgl. B. Müller 2017, „Fall für“). Denn es geht ganz sicher nicht darum, andere Hilfeansätze auszuschließen, die im konkreten Fall weitergehender und tiefgreifender helfen können.

Allzuständigkeit ist wichtig für unsere spezielle Klientel
Eine sehr oft nicht bedachte Bedeutung dieses Handlungsmerkmals für die Klientel der Sozialen Arbeit muss besonders hervorgehoben werden und stellt letztlich die ausschlaggebende Begründung dafür dar, warum gerade dieses Merkmal für die professionelle Soziale Arbeit von so großer Bedeutung ist:

Das ganzheitliche Herangehen an die Problemlagen der Klientel und die professionelle Allzuständigkeit der Hilfe kommen denjenigen KlientInnen entgegen und zugute, die ihren Hilfebedarf nicht als die Summe einzelner Probleme, sondern als komplexe, ganzheitliche Problemlage erleben und auch artikulieren. Sie können sich von dieser Komplexität nicht lösen und erleben Hilfe auch nur dann als wirklich hilfreich, wenn sie nicht (wegen Nichtzuständigkeit) „von Pontius zu Pilatus“ geschickt werden. Für sie ist die Bereitschaft der Sozialen Arbeit, sich genau auf diese komplexe Problemstruktur einzulassen, wichtig und die Voraussetzung dafür, dass sie die Hilfe in ihr Leben integrieren können.

Wenn die Soziale Arbeit sich gegenüber den sozialbenachteiligten Menschen unserer Gesellschaft verantwortlich fühlt, so muss sie diesen Menschen angemessen begegnen und sie nicht mit Logiken und Denkgewohnheiten verunsichern und überfordern, die vielleicht für ein Mittelschichtklientel und für gebildete Menschen kein Problem darstellen.  

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Zwischenbericht: Erfahrungen mit der Botschaft meines neuen Buches

Ein Freund fragte mich neulich, welche Erfahrungen ich denn machen würde mit meinem Buch? Kommt deine Botschaft an? Wird sie aufgegriffen? Wird sie ernst genommen? Und führt sie dazu, dass KollegInnen einen anderen, neuen Blick auf ihre Praxis und überhaupt auf die Lage der Sozialen Arbeit bekommen?

Hier unser Gespräch:

Natürlich habe ich nicht erwartet, dass mein Buch zu explosionsartigen Veränderungen führen würde. Ich habe nicht einmal das erwartet, was ich vor 13 Jahren nach Veröffentlichung des Schwarzbuches erlebt habe, nämlich dass mich eine Zeit lang fast täglich neue Mails erreichten von PraktikerInnen, die sich freuten: “Endlich spricht einmal jemand das aus, was uns die ganze Zeit schon belastet und unsere Arbeit so sehr erschwert“. Schließlich hat sich in diesen Jahren einiges verändert und ich fürchte, dass der Neoliberalisierungsprozess inzwischen weit fortgeschritten ist- allerdings ohne, dass es von den meisten zur Kenntnis genommen wird.“

Wie haben SozialarbeiterInnen dieses Mal reagiert?

Etliche, vor allem KollegInnen, insbesondere KollegInnen meiner Generation haben mir geschrieben, dass sie es toll fänden, wie sehr ich mich für die Belange unserer Profession engagiere. Etliche haben angekündigt, Sie würden mir demnächst mehr schreiben, wenn sie das Buch gelesen hätten. Nur vereinzelt kam dann später noch eine Rückmeldung.

Von PraktikerInnen habe ich noch wenig gehört.

Wie erklärst du dir das?

Ich fürchte, das Buch ist ihnen einfach zu dick. Die meisten PraktikerInnen geben zu, dass sie zuletzt für ihren Bachelor oder die Masterarbeit Fachliteratur gelesen haben.

Ansonsten glaube ich, dass die Botschaften des Buches für die meisten LeserInnen einfach zu unangenehm und zu provozierend sind. Letztlich habe ich ja heftig Kritik an der derzeitigen Profession und an ihrer Lethargie, was die politischen Themen betrifft geübt. Wer kann es schon gut ertragen, wenn man kritisiert wird. Wahrscheinlich erwarten die LeserInnen eher entlastende Schuldzuschreibungen an irgendwelche externen Ursachen oder hoffnungsvolle, motivierende Ratschläge, wie man die Lage gut und einfach verbessern kann.

Ich laste die prekäre Entwicklung unserer Profession ja nicht den SozialarbeiterInnen selbst an, sondern zeige eigentlich sehr deutlich, wo die Schuldigen, wo die eigentlichen Hintergründe zu suchen sind. Aber gleichzeitig stelle ich klar, dass auf die Profession und ihre verschiedenen VertreterInnen die Verantwortung dafür zukommt, ob sie selbst diese Bedingungen problemlos hinnimmt, sich einfach anpasst oder aber im Interesse der Profession und der KlientInnen, für die sie zuständig ist, gegen diejenigen Entwicklungen Widerspruch und Widerstand leistet, die ihrer eigenen professionellen Ethik und Konzeption widersprechen.

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Neoliberaler geht’s kaum noch….was uns mit der Merz-Klingbeil-Regierung im Bereich Soziales erwartet:

(entnommen MSN 14.11.25
blau: meine Kommenare

Knallharte Verschärfungen für Grundsicherungsempfänger vorgesehen

Das Arbeitsministerium von Ministerin Bärbel Bas (SPD) arbeitet im Auftrag der Regierungskoalition gerade an einer Reform des Bürgergelds. Für die zukünftigen Grundsicherungsempfänger wird es wohl ungemütlich. 

Die Bundesregierung macht Ernst mit der angekündigten Bürgergeldreform. Ein Referentenentwurf aus dem Bundesarbeitsministerium liegt vor – und sieht deutlich härtere Regeln vor als bisher kommuniziert.

Das Bürgergeld hat ausgedient. Die Bundesregierung treibt ihre geplante Sozialreform voran und hat einen Gesetzentwurf zur Abschaffung des umstrittenen Systems – das künftig Grundsicherung heißen soll – fertiggestellt. Der „Zeit“ liegt der 94-seitige Referentenentwurf aus dem SPD-geführten Bundesarbeitsministerium vor welcher bereits zur Ressortabstimmung weitergeleitet wurde.

Die geplanten Verschärfungen gehen dabei weiter, als von den Koalitionsspitzen bisher öffentlich kommuniziert wurde. Generell soll die Grundsicherung künftig fordernder werden, Sanktionen schneller greifen und vorhandenes Vermögen sofort geprüft werden. An die zukünftigen Grundsicherungsempfänger sollen Maßstäbe angelegt werden, die schon in der normalen Bevölkerung kaum umgesetzt werden.

Mietpreisbremse wird zur Pflicht

Besonders brisant sind die neuen Regelungen für Wohnkosten. Grundsicherungsbezieher müssen künftig ihre Vermieter wegen Verstößen gegen die Mietpreisbremse rügen und dies dem Jobcenter nachweisen. Wer dem nicht nachkommt, kann die üblichen Übergangsregeln zur Anerkennung unangemessener Kosten nicht mehr in Anspruch nehmen. Im schlimmsten Fall droht die Streichung der Mietkostenübernahme und der Verlust der Wohnung.

Wie die „Zeit“ weiter schreibt, nutzen laut Mietervereinen schon jetzt weniger als fünf Prozent der Mieter in Deutschland die Möglichkeit zur Rüge bei überzogenen Mietpreisen. Für viele sind die formalen Voraussetzungen zu hoch oder die Angst, die Wohnung zu verlieren, zu groß. Von Grundsicherungsbeziehern soll dies allerdings zukünftig verlangt werden.

Das Jobcenter kann nach einer formellen Rüge dann unmittelbar eine Kostensenkung verlangen – bis hin zum Umzug. Liegt die vereinbarte Miete über der zulässigen Höhe, droht der Verlust der staatlichen Unterstützung. Sozialpolitikforscher und Sozialverbände warnen bereits vor mehr Wohnungslosigkeit durch diese Verschärfung.

Kontrollen für psychisch Erkrankte

Menschen mit psychischen Erkrankungen sollen künftig strenger kontrolliert werden. Sie müssen persönlich beim Jobcenter vorsprechen, damit geprüft werden kann, ob sie wirklich psychisch krank sind. Diese Regelung könnte problematisch werden: Mehr als ein Drittel der Leistungsberechtigten erhält im Laufe eines Jahres eine psychiatrische Diagnose, wie die „Zeit“ unter Verweis auf Studien schreibt.

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Was ist von den Trägern zu erwarten?

Bei einem Vortrag über mein neues Buch wurde mir die Frage gestellt, welche Rolle eigentlich die Träger im Prozess der Transformation der Sozialen Arbeit einnehmen und ob von ihnen etwas erwartet werden kann, was dieser Transformation Widerstand entgegensetzt.

Es war aufgefallen, dass ich bei der Frage danach, wer etwas bewirken und tun könne in Richtung Widerstand gegen eine fortschreitende Neoliberalisierung, die Träger kaum erwähnt habe. Das ist durchaus richtig beobachtet. Von den Trägern erwarte ich am wenigsten, und das hat seine Gründe:

Die freien Träger sind durch die Neue Steuerung in eine grundsätzlich neue Rolle geraten: Sie sind nur mehr abhängige Dienstleister.

In meinem Buch erkläre ich die Situation folgendermaßen:
Zum einen entwickelte sich ihr Status zu dem eines „reinen Leistungsträgers“, der vom Gewährleistungsträger dominiert und zur Einhaltung der von ihm diktierten betriebswirtschaftlichen Verfahrensweisen gezwungen wird. … Es entstand ein neues Verständnis von „Subsidiarität“, in welchem die Anbieter sozialer Dienstleistungen zu unselbstständigen Akteuren wurden, die allein in ihrer Funktion zur Erbringung sozialer Dienstleistungen in Anspruch genommen werden.
Der einzelne Träger steht, wenn es um die Frage geht, wer den Zuspruch für ein Projekt oder eine bestimmte Aufgabe erhält, in Konkurrenz zu anderen Anbietern, die ebenfalls ihre Ware verkaufen, und die von daher ein Interesse daran haben müssen, ihre Ware möglichst günstig anzubieten und möglichst noch günstiger zu produzieren.
Unter dem Primat der Effizienz und unter den Bedingungen des sozialen Pseudomarktes sind dabei fachliche Belange von sekundärer Natur und werden von den Erfordernissen des Überlebens der Träger auf dem Markt mehr und mehr an den Rand gedrängt.“  

Galuske bemerkte schon vor Jahren (2002, S. 328): „Wo früher über Kinder und Jugendliche nachgedacht wurde, werden jetzt der Kunde hofiert, der Markt analysiert, Werbung betrieben, Konkurrenz beobachtet, Kosten gesenkt usw.

Gleichzeitig – parallel zu ihrer Rolle als abhängige Dienstleistende – kommen die erbringenden Träger zwangsläufig in die Rolle von Unternehmern, die ihre „Produkte“ am Markt anbieten müssen. Als Unternehmer müssen sie jetzt ein unternehmerisches Risiko tragen. Laut Hagn (2017, S. 83) sind die meisten Träger der Sozialen Arbeit inzwischen „wirtschaftliche Unternehmen geworden, die unter dem Druck der bedingungslosen Effizienz und permanenter Kostenersparnis stehen“. Ihre „Betriebe“ müssen sich rechnen. Deshalb können sie nur da investieren, wo es sich finanziell lohnt. Der Gewinn (bei gewerblichen Trägern) und der Überschuss bei den freien Trägern stehen im Mittelpunkt des Interesses. Es geht tendenziell nur noch um Geld.

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Selbstfürsorge – ein Lieblingskind des Neoliberalismus

Selbstfürsorge seht hoch im Kurs. PraktikerInnen reißen sich um entsprechende Fortbildungen und Weiterbildungen. Die Lehre und die Wissenschaft hält die Selbstfürsorge für ein probates und wichtiges Rezept, um die Strapazen und Herausforderungen der Praxis gut zu überstehen.

Dass die Soziale Arbeit einer der Berufsbereiche mit der höchsten burnout-Quote ist, ist hinlänglich bekannt. Befragungen ergaben und ergeben immer wieder und mehr denn je, dass die KollegInnen den Beruf der SozialarbeiterIn als sehr belastend und anstrengend erleben. In meiner Befragung von 109 SozialarbeiterInnen als allen nur möglichen Arbeitsfeldern waren % der Meinung, dass sie diesen Beruf deshalb wohl kaum bis zur ihrer Rente durchhalten können.

Die meisten VertreterInnen der Disziplin, die sich mit der angespannten Lage in der Praxis befassen, stellen Anregungen im Sinne von Resilienz und Selbstsorge in den Mittelpunkt ihrer Empfehlungen. Es geht ihnen darum, die bestehenden Belastungen auf individuelle und psychologische Weise zu reduzieren. Die professionelle Selbstfürsorge soll die vorhandenen und belastenden Widersprüche für den Einzelnen erträglich machen. Die so oft empfohlene „professionelle Selbstfürsorge“ erweckt die Illusion, die vorhandenen Probleme und Widersprüche selbst lösen zu können und verwischt auf diese Weise die wirklichen Hintergründe.

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Neoliberalismus- Schnee von gestern?

Wie kann man denn heute noch über den Neoliberalismus schreiben? Der liegt doch schon hinter uns. Wir haben inzwischen eine neue Phase, den Post-Neoliberalismus“, so schrieb man mir.
Ist das so?

Sicherlich, inzwischen gibt es Themen und Tendenzen – auch und gerade in der Sozialen Arbeit – , die in ihrer krassen Form in meinem Buch noch nicht vorkommen oder nur am Rande erwähnt werden. Ich denke dabei an die neuen, autoritären Strukturen innerhalb der Gesellschaft, ausgehend von den Herrschenden aber weitgehend auch übernommen von Teilen der Bevölkerung und der KollegInnen.              
Dies ist meines Erachtens aber nicht etwas Neues, eine Ideologie sozusagen nach dem Neoliberalismus. Dies alles ist nichts anderes als seine konsequente Fortsetzung der neoliberalen Ideologie.

Der Neoliberalismus wird von vielen nur als wirtschaftliche Produktionsweise angesehen, als rein ökonomisches Phänomen, dass unser Leben ansonsten nicht weiter tangiert. So sehen sehr viele SozialarbeiterInnen die ökonomischen Strukturen der Neuen Steuerung als vielleicht lästig, aber ansonsten nicht wirklich prägend an.
Tatsächlich ist der Neoliberalismus die aktuelle und weiterentwickelte Form des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Im Unterschied etwa zur Phase des Fordismus und des Spätfordismus unterwirft er aber in einem sehr viel höheren und konsequenteren Maße nicht nur die eigentlichen wirtschaftlichen Produktionsprozesse seinem Waren- und Profitdiktat, sondern gnadenlos auch die Menschen selbst und alle gesellschaftlichen Aspekte der menschlichen Gesellschaft . Er versucht, die Menschen in die Funktionen von SelbstunternehmerInnen und Waren hineinzupressen und ist an den menschlichen Bedürfnissen und Beziehungen nicht interessiert, wenn sie nicht seinen Interessen entgegenkommen.
Für die Soziale Arbeit bedeutet das, dass ein Verständnis Sozialer Arbeit als eine Profession, die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens unterstützen will und sich insbesondere um diejenigen kümmern will, die gesellschaftliche Benachteiligung erfahren, den neoliberalen Interessen nicht nur im Wege steht, sondern sie infrage stellt.

In der Sozialen Arbeit wie insgesamt in unserer Gesellschaft vollzieht sich im Rahmen der neoliberalen ideologischen Beeinflussung seit langem eine Entwicklung, die gekennzeichnet ist durch eine bewusst forcierte Individualisierung, durch die Abwertung bisheriger Werte und Erfahrungen, durch die Ideologie vom unabdingbaren Fortschritt durch alles „Moderne“, durch die Abwertung sozialer Nähe und Solidarität , die Gewöhnung an Gewalt, die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die Verteuflung von Kritik und jeder Abweichung vom Mainstream und von Zivilcourage etc. Das aber hat die Menschen für gegenwärtige scheinbar „neuen“ Tendenzen empfänglich gemacht und lähmt ihre Bereitschaft, sich zu wehren:

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