Prof. Dr. Thiersch. Wissenschaftler und engagierter Praxisversteher

AutorInnen, die mich für mein Buch inspiriert haben (Neuerscheinung: Seithe: Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink)
Teil 5

Prof. Dr. Hans Thiersch,


der den heutigen SozialarbeiterInnen freundlich und verständnisvoll aber ganz klar und unmissverständlich einige Zähne zieht und den grundlegenden Absichten und Vorstellung der neoliberalen Sozialen Arbeit eine deutliche Abfuhr erteilt …

Der Altvater der Lebensweltorientierung hat 2020 seine Konzeption noch einmal vorgestellt und geht dabei auf die aktuellen Entwicklungen sehr präzise ein.

Lebensweltorientierung ist eigentlich hochpolitisch

Ganz im Gegenteil zu immer wieder geäußerten Verlautbarungen, die die Lebensweltorientierung verdächtigen, selbst als Einfallstor für die Neoliberalisierung gedient zu haben, setzt Thiersch sich hier deutlich gegen den Neoliberalismus ab und zeigt die drastischen Folgen der Neoliberalisierung der Profession Soziale Arbeit auf.

Der Kampf der Menschen um eine soziale Gerechtigkeit hat sich laut Thiersch (2020, S. 99) immer wieder gestellt und „stellt sich in der heutigen ökonomisch und ökologisch so dramatisierten Weltsituation in unausweichlicher Schärfe.“ Als Teil des „modernen Projektes Soziale Gerechtigkeit“ sieht Thiersch (2014, S. 331) die Soziale Arbeit in Kampf mit den neoliberalen Herausforderungen. Er erwartet von der Sozialen Arbeit, dass sie Gerechtigkeit „gegen die Thematisierung des Neoliberalismus“ einklagt und deutlich macht, dass Gerechtigkeit „die bestimmende Ordnung gesellschaftlicher Entwicklung“ ist und nicht, wie es der Neoliberalismus sieht, ein „Hemmnis der Konkurrenzgesellschaft“.

Thiersch (2020) warnt heute vor der Gefahr, dass die erweiterte Aufgabenbestimmung eine riskante Konstellation bedeutet, dass nämlich so „die Arbeit in den Zonen der besonderen Belastungen an den Rand rückt – und dies insbesondere in der heutigen Zeit der neoliberalen Verschleierung und Dethematisierung der Probleme und Aufgaben in diesen Zonen“ (ebd., S. 92).

Hilfeverfahren wie etwa die „Sozialpädagogische Familienhilfe“ werden so weit eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, dass von ihnen nur noch die „leeren Titel“ bleiben. Solchen aus fachlicher Sicht unsinnigen und kontraproduktiven Entscheidungen steht die Profession machtlos gegenüber.
Thiersch wehrt sich gegen die „neoliberale Forcierung einer vor allem auf die Normalität heutiger Lebensschwierigkeiten bezogenen Arbeit … zum Beispiel in der einseitigen Akzentuierung der frühkindlichen Erziehung zur Förderung der allgemeinen Schulfähigkeit, in der einseitig forcierten Förderung der Jugendkulturarbeit in der Jugendarbeit und vor allem in der Einseitigkeit einer aktivierenden Altenarbeit, die die Arbeit in den Mühen des Alters verdrängt.“ Soziale Arbeit „muss dagegen auch für die Arbeit in den Zonen der besonderen Belastung besondere Ressourcen fordern muss Raum, Zeit und Professionalität nachdrücklich und offensiv einklagen.“

Thiersch (2020, S. 100) moniert: „Die Überlastungen und fehlenden Arbeitsressourcen der Sozialen Arbeit in den Lebenswelten der Armut und der multiethnisch geprägten Zonen, aber auch in den von der Entwicklung abgehängten Regionen sind Indiz einer skandalösen Sozialpolitik, die Probleme schafft, die sie dann lautstark und folgenlos öffentlich beklagt.

Beziehungsarbeit ist unverzichtbar

Thiersch wendet sich gegen jede Abwertung der Beziehungsarbeit mit der Klientel und fordert eine besonders hohen Sensibilität im Umgang gerade mit den nicht-motivierten KlientInnen.

Die Notwendigkeit, die Problemschilderungen und die Lage der KlientInnen ernst zu nehmen und auch darauf einzugehen, wird auch von Thiersch hervorgehoben:

„Gerade Menschen, die in ihren Verhältnissen und den Anstrengungen mit ihnen zu Rande zu kommen, überfordert und oft resigniert und gleichsam verstummt sind, brauchen Hilfen, damit sie sich trauen können, ihre Probleme nicht nur zu artikulieren, sondern Veränderungsmöglichkeiten anzugehen“ (2014, S. 336).

Die Beziehungsarbeit basiert auf einem professionellen Verhältnis von Distanz und Nähe. Für Thiersch (2020) sind im Rahmen der lebensweltorientierten professionellen Arbeit Nähe und Engagement unverzichtbar. Erforderlich sei, so Thiersch weiter „das Grundmuster, dass die AdressatInnen sich sicher sein müssen, dass die PädagogInnen sich für sie interessieren und engagieren, und dass sie darin eine vertrauenserweckende Nähe und zugleich eine klärende abständige Distanz erfahren, die ihnen Freiheit zum Eigenen lässt“ (2020, S. 156).

Er beschreibt, wie es gelingen kann, eine angemessene professionelle Balance zwischen Distanz und Nähe zu verwirklichen: Die SozialarbeiterInnen „brauchen die Fähigkeit und den Willen, sich den Problemen der AdressatInnen auszusetzen, sie brauchen darin das Interesse für den anderen um seiner selbst willen, sie brauchen das Engagement einer professionellen Leidenschaft“ (ebd.) Ihre eigenen persönlichen Erfahrungen und Gefühle müssen dabei „in professioneller Haltung, in professioneller Authentizität aufgehoben sein, in der die PädagogInnen sich und die Situation von außen sehen können und so die eigenen Gefühle und Verhaltensäußerungen bis in die Körpersprache hinein reflektieren und gestalten“. Die „Figur des Arbeitsbündnisses“, so Thiersch weiter, „in dem beide Beteiligte sich auf die Aufgaben und Grenzen ihrer Interaktion festlegen“, schützt dabei vor falscher Nähe und vor unausgesprochenen Erwartungen (ebd.).

Thiersch weist auf einen Aspekt hin, der die Bedeutung der Beziehungsarbeit in der professionellen Sozialen Arbeit besonders hervorhebt:

Beziehungen in der Sozialen Arbeit … erhalten eine besondere Bedeutung angesichts der Schwierigkeiten der AdressatInnen. Wenn sie in ihrer alltäglichen Lebenswelt Desorientierung, Unzuverlässigkeit, Vernachlässigung, Gleichgültigkeit und Verachtung erfahren mussten, suchen sie Vertrauen und Ermutigung. Sie wollen und müssen erfahren, dass es andere Menschen gibt, die sie in ihren Schwierigkeiten verstehen und die sich auf sie einlassen. Sie müssen erleben, dass es Menschen gibt, denen sie nicht gleichgültig sind, die sich für Sie engagieren“ (2020, S. 146).

Das bedeutet, dass gerade für die klassische Klientel der Sozialen Arbeit, also für Menschen die sozial benachteiligt sind und Probleme haben, mit ihrem Leben zurecht zu kommen, eine vertrauensvolle und sie als autonome Menschen akzeptierende Grundhaltung erforderlich ist.

„Aus der Perspektive der Adressaten ergeben sich spezifische Vorbehalte und Verweigerungen der Sozialen Arbeit gegenüber. Viele lassen sich auf die Fremdheit der professionellen Handlungskonzepte nicht ein, sie insistieren darauf, dass sie in ihren alltäglichen Verhältnissen selbst zu Rande kommen und haben darin ihren Stolz. Sie wollen den eigenen Ansprüchen gewachsen sein und diese Ansprüche vor den anderen, für sich selbst einlösen oder sie doch wenigstens mit den Strategien des Stigma-Managements behaupten. Hilfe zu brauchen, sich die eigene Bedürftigkeit zuzugestehen, bedeutet für sie den Verzicht auf eine solche, gleichsam stolze Position, bedeutet auch Kränkung und Beschämung. Sich gegen solche Hilfe zu sträuben ist natürlich. So sind etwa Eltern mit der zugedachten Familienhilfe oft nicht einverstanden und betonen, dass sie gut allein zurechtkämen. Jugendliche in der Straßengruppe wehren sich gegen die PädagogInnen und suchen sie in oft harten Herausforderungen zunächst auf die Probe zu stellen. In spezifischen Konstellationen entwickeln sich Ausweich- und Abwehrstrategien. Menschen entziehen sich dem Anspruch der Angebote, decken sich unter ihnen weg und nutzen sie gleichsam strategisch. Sie fügen sich – etwa im Strafvollzug oder auch in der Suchtarbeit – unauffällig und denken, dass sie die Maßnahmen überstehen werden, um dann weiter machen zu können, wie sie es gewohnt sind. Andere ergeben sich dem neuen Arrangement, lassen, umgangssprachlich formuliert, die HelferInnen machen und richten sich in einer Hilflosigkeit ein, die ihnen nicht nur die Auseinandersetzung mit ihrem Problem erspart, sondern die sich darin auch von sich selbst und ihren Möglichkeiten entfremdet. Andere fühlen sich durch das Angebot von Hilfen in ihrem Alltagsanspruch verstört und gekränkt; sie fühlen sich bedroht und haben Angst davor, mit einer Sozialen Arbeit in Berührung zu kommen, von der man immer wieder Abschreckendes hört oder die einem aus der eigenen Tradition des anderen Kulturkreises ganz fremd ist. Andere wehren sich mit Provokationen und Gegenwehr und verstärken sich in der Aufsässigkeit ihres Verhaltens. Wieder andere ziehen sich in sich selbst zurück und werden stumm und verzweifeln, sie geben sich auf“ (Thiersch 2020, S. 210).

Das Verleugnen der eignen Expertise lässt die KlientInnen im Stich

Thiersch kritisiert die heute verbreitete Tendenz, vor lauter Angst, man könne die Klientel dominieren oder manipulieren, auf jeden professionellen Gebrauch der eigenen Expertise zu verzichten.

Thiersch betont auf der einen Seite, dass Menschen im Prinzip für sich zuständig sind, auch wenn sie in vielen Situationen auf Hilfe angewiesen sind. Und er zeigt Verständnis für die sensible Haltung so mancher SozialarbeiterIn, sich als Expertin quasi auszuschalten, weil „die Berufung auf die Bedürftigkeit der AdressatInnen in der Vergangenheit immer wieder als Vorwand für Disziplinierung, Unterdrückung und Demütigung derer, die Hilfe brauchen“ (2020, S. 109), genutzt wurden.

Die hier von Thiersch angesprochene Haltung findet sich vor allem bei VertreterInnen der Disziplin, die sich vertieft mit der Frage der Machtstrukturen in der Sozialen Arbeit generell und speziell auch in der sozialarbeiterischen Interaktion befassen. Im Wissen um die meist unterschätze Macht des Professionellen neigen sie dazu, alles zu tun, um diese Macht nicht gegen die KlientIn zu missbrauchen oder auch nur zu nutzen und empfehlen eine massive Zurückhaltung.
Thiersch kritisiert diese Haltung trotz ihrer Nachvollziehbarkeit jedoch sehr klar:

Viele suchen sich gegen diese Gefährdungen abzusichern und ein Selbstverständnis zu entwickeln, das den Primat der Eigensinnigkeit der AdressatInnen absolut setzt. Sie verstehen gerade auch das Konzept der lebensweltorientierten Sozialarbeit als Plädoyer für ein unbedingtes Insistieren auf dem Primat des Respektes vor den Gegebenheiten und für den befreienden Verzicht auf die Unterstellung von Hilfsbedürftigkeit. Unter Berufung auf die Selbstzuständigkeit der AdressatInnen konzentrieren sie sich auf die Begleitung und Anerkennung des Gegebenen und lassen sich auf Unzulänglichkeiten, Schwierigkeiten und Bedürftigkeiten der Adressaten nicht ein. Damit aber verkennen sie die Struktur ihrer Arbeit und entziehen sich ihrem Auftrag“ (2020, S. 109f).

Ein solches Vorgehen bedeutet nämlich möglicherweise, die Klientel im Stich, d. h. allein zu lassen. Wer sich nicht auf die Lage und die Bedürfnisse der Klientel einlässt, und sei es aus Angst, manipulativ zu wirken oder den anderen, was seine Lebenswelt betrifft, zu enteignen, wer sich der Bereitschaft, solidarisch zu unterstützen aus Angst oder ideologischen Gründen verweigert, verhält sich letztlich nicht anders, als der neoliberale Kollege, der erwartet, dass der autonome souveräne KlientIn schon weiß, was er braucht und sich das selbst besorgt und besorgen kann“ (Seithe 2025, S. 312).

Thiersch geht klar von einer bestehenden Asymmetrie der Machtverhältnisse zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn aus.

Diese Asymmetrie muss ausgehalten und in ihrer strukturellen Problematik gesehen und bewältigt werden.“ (Thiersch 2020, S. 109).

Es geht ihm darum, mit der Machtdifferenz angemessen umzugehen und sie nach Möglichkeit zu verringern. Das bedeutet zum einen, sie offen anzusprechen und zum anderen, die Differenz durch eine dialogische, partizipative Interaktion zu verkleinern und so einen Einstieg in ein vertrauensvolles Miteinander und eine aktive und selbstbewusste Mitarbeit der Klientin zu ermöglichen.
Das diese Haltung in keiner Weise dem Prinzip der Partizipation widerspricht, zeigt folgendes Zitat:

„Unterstützung und Hilfe verstehen sich heute als Verhandlung, als gemeinsame Suche und Entwicklung von weiterführenden Wegen, es geht also nicht – pointiert geredet – darum, dass der eine Probleme hat, die der andere löst, sondern darum, dass die Lösungen des einen, die ungeschickter und weniger hilfreich sind, mit dem anderen zusammen in vielleicht bessere Lösungen transformiert werden“ Thiersch (2014, S. 333).

 

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Prof. Dr. Winkler – Er nennt die Misere beim Namen.

Autoren, die mich für mein Buch inspiriert haben (Neuerscheinung: Seithe: Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink)
Teil 4

Prof. Dr. Michael Winkler,


der ohne Hemmungen und ohne zu zögern rund heraus sagt, was er von der Neoliberalisierung der Sozialen Arbeit und dieser Gesellschaft insgesamt hält …

Nicht nur bei PraktikerInnen, auch bei den VertreterInnen der Disziplin, selbst bei solchen, die kritisch gegenüber der neoliberalen Transformation eingestellt sind, finden sich häufig Begriffe, Arbeitsprinzipien und Denkweisen, die einen unverkennbaren neoliberalen Hintergrund haben (Seithe 2025).
Besonders scharf kritisiert Winkler (2014, S. 31) diese Entwicklung:

Allein schon die zunehmend verbreitete Rede von der Sozialwirtschaft macht deutlich, dass und wie die Soziale Arbeit beginnt, auf Augenhöhe mit jenen zu sprechen, die das Geschehen im Lande maßgebend bestimmen, mehr noch als die Politik – und unlängst noch als erklärter Gegner galten. Etwas böse formuliert: Willkommen im Kapitalismus!“

Ablesbar wird diese bereitwillige, wenn auch wenig bewusste Selbstintegration in das Marktgeschehen und das betriebswirtschaftliche Denken an der Bereitschaft der Profession, das eigene Tun zunehmend in naturwissenschaftlich-technisch anmutenden Formeln zu beschreiben (Seithe 2025, S. 220) So formuliert Winkler (2014, S. 36):

„Als ein Beispiel kann man das wuchernde Vordringen der statistischen Manuale ICD 10 und DSM 4 nennen, mit der Aussicht übrigens, das DSM 5 wohl noch jegliche menschliche Eigentümlichkeit zum statistisch erfassten Behandlungsfall macht. Die Einführung der neuen Studiengänge hat diese Verhärtung noch verstärkt. Daher wird nicht mehr Soziale Arbeit gelehrt, sondern social engineering. Nein noch schlimmer: stets ein kleiner Bereich des social engineering. Der Blick auf den Zusammenhang und auf die Grundlagen bleibt ebenso verwehrt wie die Einübung in die Kritik.

Besonders bemerkenswert scheint mir die folgende Aussage, die Soziale Arbeit in einen diametralen Gegensatz zu dem stellt, was sich der Neoliberalismus darunter vorstellt: Winkler (2006, S. 1115ff.) beschreibt den besonderen, von einer betriebswirtschaftlichen Erfolgsdefinition weit entfernten Charakter der sozialpädagogischen Erfolgsdefinition folgendermaßen:

Nicht das Erzielen einer bestimmten Wirkung, sondern das Gestalten von Lern- und Erfahrungsräumen steht im Vordergrund, womit die Handlungsfähigkeit aller Beteiligten sichergestellt werden soll, Handlungs- und Lernprozesse gefördert und aktiviert werden sollen, mithin Bildungs- und Subjektivierungsprozesse in pädagogischen Interaktionen.“

Ein solches Verständnis von Erfolg und erfolgreichem Handeln steht jedoch im krassen Gegensatz zu dem, was im Rahmen der formalistischen Leistungsvereinbarung als Zielkriterium für den angestrebten Erfolg verhandelt wird. Erreichte Zwischenziele würden aus neoliberaler Sicht nicht zählen und nicht anerkannt werden. Das bedeutet außerdem eine ständige Entwertung dessen, was die SozialarbeiterIn geleistet hat (Seithe 2025).

Winkler machte diese Äußerungen schon vor 20 Jahren. Leider haben diese Aussagen bis heute nicht an Aktualität verloren.

Literaturhinweise:

Winkler, Michael (2006): Kleine Skizze einer revidierten Theorie der Sozialpädagogik. In: Badavia, T. (Hrsg.) (2006): Das Soziale gestalten. Über Mögliches und Unmögliches der Sozialpädagogik. Wiesbaden: Springer VS. S. 1115ff.
Winkler, M. (2008): Annäherung an den neuen gesellschaftlichen Ort sozialer Arbeit. In: Bütow, B./Chassé, K.-A. /Hirt, R. (Hrsg.): Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert. Positionsbestimmungen Sozialer Arbeit im Post-Wohlfahrtsstaat. Opladen: Barbara Budrich. S. 191ff.

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Prof. Dr. Polutta und sein Team- was wirkt wirklich?

AutorInnen, die mich für mein Buch inspiriert haben (Neuerscheinung: Seithe: Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink)
Teil 3

Prof. Dr. Polutta und sein Team,

die sich von dem Dogma der Evidenzbasierung nicht einschüchtern lassen und ganz „traditionell“ wissenschaftlich nach den Faktoren suchen, die die Wirkungen der Sozialen Arbeit zeigen, und zwar Wirkungen, wie sie sozialpädagogisch, nicht wie sie neoliberal angestrebt werden….

Es gibt nicht viele Ansätze, die versuchen, der Dominanz und angeblichen Vereinbarkeit der Neuen Steuerung mit dem professionellen Konzept Sozialer Arbeit offensiv entgegenzutreten und die Frage aufzuwerfen, ob das neoliberale Vorgehen tatsächlich eine Soziale Arbeit ermöglicht, wie sie im professionellen Konzept angestrebt wird.

Im Dschungel der Evidenzbasierungs-Dogmen fand ich folgende AutorInnen, die unbeeindruckt das erforschen, worum es im Rahmen von Wirkungsforschung Sozialer Arbeit gehen sollte:

„Polutta (2013, S. 262) stellt fest, dass die am Controlling orientierten Ansätze zwar geeignet sind, die Aktivierungslogiken wie auch Formen einer manageriellen Professionalisierung zu unterstützen, dadurch aber „die Fähigkeiten und organisatorischen Rahmenbedingungen für den Aufbau von pädagogischen Beziehungen und Arbeitsbündnissen, die als bedeutsam, ja als im eigentlichen Sinne wirksam gelten können, außer Acht gelassen“ werden.
Die Wirkfaktoren, die in dieser Untersuchung herausgefunden wurden, entsprechen im Übrigen genau dem, was z. B. in Fragen der angemessenen Interaktion zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn das professionelle Konzept der Sozialen Arbeit ausmacht: Beziehungsarbeit, Vertrauen, klare Strukturen im Beziehungsverhältnis zwischen KlientInnen und SozialarbeiterInnen“ (Seithe 2025, S.112f).

„Polutta (2013, S. 254) beschreibt die Situation der Profession hinsichtlich der Bedeutung der neoliberalen Wirksamkeitsthematik folgendermaßen: „Sowohl öffentliche Kosten -und Leistungsträger (zum Beispiel Jugendämter) als auch Dienstleistungserbringer (zum Beispiel freie Bildungs- und Jugendhilfeträger) werden von einer Rationalität des Ausweisens von Erfolgen, Leistungen und der Legitimationspflicht über ihre Wirksamkeit und Effizienz bestimmt. Das bisherige wohlfahrtsbürokratische Organisationsmuster wird also grundlegend anders begründet und muss sich über Leistungsnachweise legitimieren. Das geht mit Professionskritik und Vertrauensverlust gegenüber professioneller Fallbearbeitung einher, die durch externe Nachweise von Ergebnissen ersetzt werden soll. … Dabei ist es ein wesentliches Merkmal, dass die Alternativen zum Modell der professionellen Problembearbeitung durch Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Modell einer Standardisierung und Technologisierung des Handelns dieser Fachkräfte gesehen wird.“

Die Forschungsergebnisse von Albus et al. (2010), die unter der Leitung von Prof. Polutta entstanden sind und die im Rahmen einer Wirkungsforschungsuntersuchung verifiziert werden konnten, sind in doppelter Hinsicht bemerkenswert:
Zum einen belegen sie, dass der hier vollzogene Wirkungsforschungsansatz wesentlich mehr für eine Verbesserung der Praxis der Sozialen Arbeit leistet, als die neoliberalen Versuche, feste Programme für standardisierte Fallsituationen herauszuarbeiten. Hier werden vielmehr Faktoren sozialpädagogischen Verhaltens extrahiert, die in der Praxis eine Wirkung in die sozialpädagogisch erwünschte Richtung aufzeigen. Die AutorInnen (Albus et al. 2010, S. 240) kommentieren dieses Ergebnis wie folgt:

Im Gegensatz zur evidenzbasierten Praxis, die auf die programmintegere Reproduktion von sozialpädagogischen Programmen, Treatments und Interventionen mit nachgewiesener „best research evidence“ … abstellt, erschließt sich mit der Identifikation von Wirkfaktoren ein Wissen, das als Bezugspunkt fachlicher Reflexion verstanden werden kann.“ Wirkungsforschung sollte nach Meinung der AutorInnen durch Verifizierung von wirksamen Verhaltens- und Konzeptionsfaktoren Sozialer Arbeit zu einer „Erweiterung der professionellen Entscheidungsgrundlagen“ verhelfen (ebd., S. 239).

Besonders relevant für unsere Fragestellung ist das Ergebnis dieser hier geleisteten Wirkungsforschung. Als Ziele wurden im Rahmen des Forschungsansatzes für zwei Vergleichsgruppen Jugendlicher folgende Veränderungen angestrebt: eine positivere Einstellung zum Leben, zur eigenen Person und zur selbst eingeschätzten Handlungsfähigkeit sowie die Zunahme von Selbstbewusstsein und der Eindruck, über mehr Mitbestimmungsrechte zu verfügen.

Albus et al. (2010, S. 240) stellen fest: Die „fachlich-reflexiven Ziel- und Handlungskonzeptionen und die professionelle Arbeitsautonomie … (hatten) einen signifikanten Einfluss auf die Arbeitsbeziehungen. … Hingegen konnten positive Auswirkungen der oftmals standardisierten Handlungs-, Dokumentations- und Entscheidungsvorgaben oder der finanziellen Anreizsysteme im Rahmen der neu eingeführten lokalen Controlling-Verfahren empirisch im Beobachtungszeitraum nicht nachgewiesen werden.“ Ausschlaggebende Wirkfaktoren für die erreichten positiven Veränderungen in der Selbstwahrnehmung der betroffenen Jugendlichen sind einmal die zunehmende Wahrnehmung von Partizipationsangeboten sowie die positive und vertrauensvolle Beziehung zu der professionellen Fachkraft.

Zusammenfassend stellen die AutorInnen fest, dass die empirischen Befunde der vorgestellten Forschung entscheidende Anhaltspunkte dafür geben, welcher Modus professionellen Handelns die besseren Ergebnisse in Richtung auf die angestrebten sozialpädagogischen Ziele ergibt: „Es ist dies mit Blick auf die vorliegende Studie eindeutig der „reflexive Modus“ und nicht der „standardisierte Modus“ professionellen Handelns. … Die Wirkfaktoren weisen gerade auf nicht- standardisierbare, kommunikativ herzustellende Aspekte wie die Arbeitsbeziehung in der Praxis der Hilfen zur Erziehung hin“ (ebd., S. 241).

Literaturhinweise:

Albus, St./Micheel, H,-G./Polutta, A.: (2010): Empirie der Wirkungsorientierung – Perspektiven einer evidenzbasierten Professionalisierung. In: Otto, H.-U./Polutta, A./Ziegler, H. (Hrsg.): What Works – Welches Wissen braucht die Soziale Arbeit? Zum Konzept evidenzbasierter Praxis. Opladen: Barbara Budrich. S. 231ff.

Polutta, A. (2013): Wirkung und politische Steuerung. In: Bakic, J./Diebäcker, M./Hammer, E. (Hrsg.): Aktuelle Leitbegriffe der Sozialen Arbeit. Wien. Löcker. S. 252ff.

Polutta, Andreas (2014): Wirkungsorientierte Transformation der Jugendhilfe. Ein neuer Modus der Professionalisierung Sozialer Arbeit? Wiesbaden: Springer VS
Albus, St/ Micheel, H,-G./Polutta, A. (2018): Wirkung. In: Otto H.-U./Thiersch, H./Treptow, R/Ziegler, H. (Hrsg.) (2018): Handbuch Soziale Arbeit. 6. Aufl. München: Reinhardt Verlag.
S. 1825ff.

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Prof. Dr. Karin Kersting – und die emotionale Desensibilisierung

die sich mit der spannenden Frage befasst, warum die Menschen in der Lage sind, sich damit abzufinden, dass sie ihre eigenen Werte und Zielvorstellungen in der Praxis an den Nagel hängen müssen …

AutorInnen, die mich für mein Buch inspiriert haben (Neuerscheinung:Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink)
– Teil 2

Frau Kersting ist Pflegewissenschaftlerin  an der  Hochschule für Wirtschat und Gesellschaft Ludwigshafen und von daher im Rahmen der Sozialen Arbeit nicht so präsent.

Fundstelle:
Im Band von Kraus, B./Krieger, W. (Hrsg.) (2021): Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung fand ich einen hoch interessanten Artikel, der mir im Zusammenhang mit der Frage, wieso die PraktikerInnen und auch viele WissenschaftlerInnen die Diskrepanz zwischen ihren fachlichen und ethischen Ansprüchen und der neoliberalen Realität aushalten können, sehr viel neue Erkenntnisse gebracht hat.

Worum es ihr geht:
Es um ein Problem, welches Kersting  aus der Pflege kennt, das aber in der Sozialen Arbeit genau so virulent ist, wenn es auch verdeckter behandelt wird:
Es geht um die Tatsache, dass MitarbeiterInnen in der Pflege und – wie ich und wie Frau Kersting in ihrem Artikel ebenso feststellt – auch in der Sozialen Arbeit – in ihrem täglichen Beruf einen Widerspruch aushalten und mit ihm umgehen müssen, der  ihre Berufsidentität eigentlich massiv bedroht: Sie  haben gelernt ihren Beruf nach bestimmen ethischen und fachlichen Kriterien auszuüben und der Anspruch, diesen zu entsprechen ist  in ihr Berufsverständnis eingegangen. In der Praxis heute erleben sie jedoch tag täglich, dass in der Wirklichkeit alles völlig anders läuft und sie kaum noch Berührung mit ihren eigenen ethischen und fachlichen Grundeinstellungen haben. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre eigentlichen Ziele und Vorstellungen als unerreichbare, schöne Ideale als Utopien abzuspalten. Andernfalls würden sie unter großen emotionalen Druck geraten und ihren Beruf unter Umständen nicht mehr ausüben können.

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Dr. Irene Hiebinger. Empathische und professionelle Sozialpädagogik .

mit ihrer überzeugenden, praktischen und empathischen Beschreibung, wie eine Soziale Arbeit auch nicht nicht-motivierten KlientInnen aussehen kann …

AutorInnen, die mich für mein Buch inspiriert haben (Neuerscheinung: Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink)
– Teil 1

Ich beginne mit einer Autorin, die mir im Band von Gehrmann und Müller auffiel, mit Frau Dr. Hiebinger. Ihr Text hat mich in vielerlei Hinsicht beeindruckt. (Hiebinger, I. (2007): Die sozialökologische Orientierung als Domäne Sozialer Arbeit. In: Gehrmann, G./Müller, K.D. (Hrsg.): „Aktivierende Soziale Arbeit mit nicht-motivierten Klienten. Regensburg/Berlin: Walhalla. S. 41ff.)
Ich habe eigentlich noch nie eine so lebendige, überzeugende, konkrete und engagierte Darstellung praktischer Sozialer Arbeit und den damit unbedingt verbundenen spezifischen Umgang mit den Menschen gelesen, um die es geht. Alles was sie sagt strahlt eine hohe fachliche Kompetenz und Sicherheit und gleichzeitig einen unerschütterbaren Respekt vor dem anderen Menschen aus.

Thematik von Hiebinger:
Er reiht sich ein in Aufsätze in einem Buch, das auf den ersten Blick darum bemüht ist, den aktivierenden Staat und seine Soziale Arbeit anzupreisen. Überraschenderweise geht es bei ihr dabei aber nicht um die üblichen neoliberalen Kundenvorstellungen, sondern darum, wie man als SozialarbeiterIn mit nicht-motivierten KlientInnen arbeiten kann.
Das ist ein Thema, das in der üblichen Fachliteratur nicht gerade eine prominente Stellung einnimmt und aus neoliberaler Sicht eigentlich geradezu kontraproduktiv eingeschätzt werden müsste. In den von mir untersuchten 10 Methodenbüchern zum Beispiel findet diese Thematik erschreckenderweise kaum Beachtung.

Unbeirrt von neoliberalen Avancen
Was nun Hiebinger über die Arbeit mit nicht-motivierten KlientInnen schreibt hat mit Neoliberalismus, mit aktivierendem Staat, mit einer geforderten Aktivität, ohne die die Unterstützung nicht zu haben ist, nichts, aber auch gar nicht zu tun.Hiebinger geht an ihr Thema mit der „naiven“ Überzeugung heran, dass eine Soziale Arbeit, die sich an Menschen richtet, diese in jedem Fall wie Menschen behandeln muss, Menschen mit Schwierigkeiten, mit Schwächen, mit Ängsten, mit Eigensinn…

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AutorInnen, die mich für mein Buch inspiriert haben

Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink

Wenn man ein Buch schreiben will, hat man meist einige Ideen im Kopf, was man sagen will, worauf man hinauswill, was man den LeserInnen näherbringen möchte. Auf dem Schreibtisch liegen endlos viele Fachbücher, viele hat man genauer gelesen, andere scheinen wichtig und müssen noch integriert werden.

Über Leute, die ähnlich denken oder die Dinge herausstellen, die einem selbst wichtig sind, freut man sich. Andere Darstellungen, die man auf den ersten Blick nicht teilt, machen die Mühe, sie genau studieren zu müssen und sich damit auseinanderzusetzen, um dann vielleicht dagegen zu argumentieren, vielleicht auch, sie einzubinden.

Aber selten trifft man auf echte Highlights: AutorInnen, Bücher, Sätze, die einen schlicht umhauen, weil sie so klar und deutlich Zusammenhänge aufzeigen, Wahrheiten aussprechen, Position beziehen oder auch entgegen allen Mainstream-Tendenzen schlicht und einfach das sagen, was sie für richtig halten.

Oft sind das AutorInnen, die man bisher nicht kannte oder von denen man bisher nicht genug kannte. So ging es mir beim Schreiben meines neuen Buches und ich habe mir überlegt, dass ich diese AutorInnen hier im Blog hervorheben könnte. Ich möchte darüber schreiben, was mir an ihnen und ihren Texten und Aussagen so gut gefallen hat.

Einige von ihnen werde ich deshalb in der nächsten Zeit hier im Blog vorstellen und dabei das in den Vordergrund rücken, was mir an ihren Aussagen und Texten im Kontext des Anliegen meines neuen Buches besonders wertvoll war.

Folgende KollegInnen werde ich vorstellen:
Dr. Hiebinger, Prof. Dr. Kersting, Prof Dr. Polutta, Prof. Dr. Winkler, Prof. Dr. Thiersch, Prof. Dr. Anhorn, Prof. Dr. R. Lutz

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Die Illusion einer bunten, heilen Welt der Profession

Auszug aus meinem neuen Buch „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“, das in Kürze erscheinen wird (Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink).

Der Text geht zurück auf ein intensives Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Arbeit mit AsylantInnen Sophia noch einmal ganz herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch!).
Wir unterhielten uns anhand einer „typischen “ Neuerscheinung zum Bereich Flüchtlingsarbeit über die gegenwärtigen Tendenzen, mit Sozialer Arbeit umzugehen, die sich eben auch auf dem Fachbuchmarkt deutlich abzeichnen:

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PRAXIS-KRITIK – Das Ergebnis der Befragung 2024

Es gibt 2 Gründe, warum ich erst heute das Ergebnis der Befragung hier veröffentlichen kann, die ich ja auch in dieses Blog eingestellt hatte.
(Danke fürs Mitmachen!) zum einen hat irgend ein blöder Fehler verhindert, dass ich auf meine Webseite kommen und posten konnte. Dank meines WordPress-Schutzengels Jonas ist alles wieder ok.
Zum zweiten hat mich mein neues Buch derartig in Beschlag genommen, dass ich seit Monaten zu nichts anderem gekommen bin. Jetzt sehe ich Licht am Horizont und kann mich wieder um andere wichtige Sachen kümmern.
Hier also erst einmal die Zusammenfassung, die einen Überblick über die Ergebnisse vermitteln kann:

PRAXIS-KRITIK 2024

Befragung von politisch und gewerkschaftlich organisierten SozialarbeiterInnen zu ihrer Praxissituation (Seithe 2024)

Zielgruppe: PraktikerInnen aller Arbeitsfelder
Stichprobe: politisch engagierte, gewerkschaftlich und anders organisierte PraktikerInnen, Berlin

Zusammensetzung der Stichprobe:

Anzahl der Befragten: 109
weiblich: 58% männlich 33%   divers 9%

Alter: 
8%                 bis 25
67%                 25 bis 35 Jahre
25%                 älter als 35 Jahre

Berufserfahrung in Jahren:

13%                 bis 2
54%                 3 bis 5
13%                 6 bis 8
15%                 9 bis 14
  6%                 mehr als 14

Arbeitsgebiete:
35%                 Jugendhilfe (mobile Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Jugendberufshilfe, Jugendarbeit, Antigewaltprojekte)
20%                 ambulante Einzelfallhilfe (einschließlich Sozialpädagogischer Familienhilfe)
  8%                 Flüchtlingsarbeit
10%                 Suchthilfe
  7%                 Wohnungslosenhilfe
  5%                 Straffälligenhilfe
  6%                  Schuldnerberatung
  9%                  sonstige (Zufluchtsstätte, Demokratieförderung, psychosoziale Beratung, Gemeinwesenarbeit, Schwangerschaftskonfliktberatung)

Zusammenfassende Auswertung

Zufriedenheit mit der beruflichen Situation

Die Ergebnisse zeigen das Bild gestresster SozialarbeiterInnen, die mit dem Ergebnis ihrer eigenen Arbeit nicht zufrieden sind, die Widerstände erleben, welche ihre Arbeit einschränken und behindern und die sich bis zur Erschöpfung beansprucht fühlen.

  • Die wenigsten Befragten können sich vorstellen, diesen Beruf unter den gegebenen Bedingungen für immer auszuüben (76%nein). Die meisten fühlen sich fast alle durch ihre Hochschulausbildung nicht angemessen vorbereitet (76 nein).
  • Fast alle erleben ihre Arbeitssituation belastend (82%), vor allem aber als widersprüchlich (71%). Die Hälfte fühlt (e) sich von Burnout bedroht.
  • Fast alle geben an, dass sich das Arbeitspensum in den letzten Jahren (besonders in qualitativer Hinsicht) deutlich erhöht hat (91%).

Einverständnis mit Ablauf und Konzeption der heutigen Sozialen Arbeit

Es zeigt sich deutlich, dass die Befragten in vielen Punkten den Bedingungen gegenüber, unter denen sie arbeiten müssen, sehr kritisch eingestellt sind.

  • Sie leiden unter der Dominanz der fiskalischen und ökonomischen Entscheidungen und Vorgehensweisen (94%). Viele stellen Diskrepanzen fest zwischen ihren sozialpädagogischen Vorstellungen, was Erfolg ihrer Arbeit bedeutet, und denen ihrer Träger und/oder des Kostenträgers (74%).
  • Sie sind sich darüber im Klaren, dass ihre KlientInnen nicht das bekommen, was sie brauchen würden (98%).
  • Sie kritisieren, dass oft die Rahmenbedingungen eine gute Beziehungsarbeit nicht zulassen (52% nein) und sie nicht ganzheitlich auf die persönlichen Probleme ihrer KlientInnen eingehen können (80%).
  • Entgegen ihren Wünschen ist es der Hälfte der Befragten nicht möglich, auf die Lebensbedingungen der Klientel verbessern einzuwirken (49% nein)
  • Durchschnittlich nimmt die Dokumentation mehr als ein Drittel ihrer Arbeitszeit in Anspruch, in einigen Bereichen sogar deutlich mehr (bis zu 70%).
  • Die fachliche Anleitung durch den oder die direkten Vorgesetzen erfolgt nur bei der Hälfte der Fälle durch SozialarbeiterInnen. In einem Viertel der Fälle sind die Vorgesetzen Sozialwirte oder SozialmanagerInnen. Bei 25% sind die Vorgesetzten PsychologInnen oder ErzieherInnen bzw. völlig fachfremde Personen.
  • Beklagt wird die Zeitnot, die sich auf die Qualität der fachlichen Arbeit auswirkt (75%).
  • Ein Drittel der Befragten fühlen sich als Fachkräfte von Kostenträger und/oder Vorgesetzten nicht ernst genommen (38% bzw. 31%).
  • Die allermeisten sehen in der Ökonomisierung und der Einführung betriebswirtschaftlicher Verfahren in der Sozialen Arbeit keinen Vorteil (83%).

Bedingungen der beruflichen Situation

So gut wie alle haben es nach eigener Aussage mit „sozialen Problemen“ zu tun (. 98%).   Wobei aus ihrer Sicht die klassischen sozialen Themen wie Wohnungsnot, Armut, Arbeitslosigkeit etwa gleich häufig als soziale Probleme genannt werden wie Diskriminierungserscheinungen. Immerhin die Hälfte kann sich auch um Lebensweltaspekte kümmern, die nicht unmittelbar mit der auslösenden Fragestellung verbunden sind.   Allerdings ist nur die Hälfte in der Lage, etwas zur Verbesserung der Lebenssituation zu tun. Dafür fehlt meistens die Zeit. Im Durchschnitt sind 37% ihrer KlientInnen zumindest am Beginn der Interaktion nicht motiviert oder mitarbeitsbereit. Insbesondere in der ambulanten Hilfe zur Erziehung sind diese Werte extrem hoch (80% bei der SpFH).

Erwartungen an sie als SozialarbeiterInnen

Die Erwartungen der Träger an ihre MitarbeiterInnen zeigen ein gemischtes Bild, wenn es um Erwartungen und Vorstellungen, also eher um konzeptionelle Fragen geht.

  • Neben der Vorstellung (Mehrfachnennungen), dass ihre MitarbeiterInnen die Klientel unterstützen (65%) sollen, neben Erwartungen, dass es für die Klientel dabei um auch Empowerment gehen sollte (56%), gibt es gleich oft und zum Teil auch überwiegend andere, eher neoliberale Erwartungen an die MitarbeiterInnen: Arbeitsfähigkeit herstellen (38%), Verhindern von Katastrophen (50%), Ruhe und Sicherheit herstellen (65%).
  • Mehr als die Hälfte der Träger erwarten von ihnen MitarbeiterInnen, dass sie gegenüber der Klientel Distanz halten (59%) und ein gutes Drittel empfiehlt ihnen, dass sie unmotivierte KlientInnen auch unter Druck zu setzen sollen (33%).
  • Sehr oft wird erwartet, dass SozialarbeiterInnen nicht-fachliche Aufgaben übernehmen (60%). Insbesondere die Einbeziehung in ordnungspolitische Aufgaben wird von Trägern forciert, z.B. im Rahmen der sogenannten „Gewaltprävention“.

Bei diesen konzeptionellen Aspekten mischen sich offenbar die Trägererwartungen: Neben klassisch sozialpädagogischen Vorstellungen zeigen sich etwa in gleichem Ausmaß konzeptuelle Einstellungen, die in Richtung des neoliberalen Konzeptes weisen.

  • Interessant ist, dass ein Viertel der Befragten den Eindruck haben, es ginge den Trägern darum, dass sie mit ihrer Arbeit den Träger gegenüber dem Kostenträger sichtbar machen.
  • Mit Geldbeschaffung für den Träger sind etwa ein Drittel der Befragten beschäftigt.

Eindeutiger neoliberal zeigen sich Erwartungen der Träger und Leitungen, wenn es darum geht, den Nachweis über Effektivität und Effizienz zu erbringen.

  • Mit diesen Erwartungen werden gut zwei Drittel der Befragten konfrontiert. Auch das Drängen zu schnellen Lösungen (70%) und die Zeitknappheit (75%) werden als Druck in erlebt, um Effizienz zu zeigen.
  • Träger geben offenbar in großer Mehrheit den unmittelbaren Druck, den sie vom Kostenträger im Rahmen der Neuen Steuerung bekommen, unmittelbar an ihre MitarbeiterInnen weiter.
  • Dokumentationsaufgaben nehmen im Schnitt 38% der Arbeitszeit sein, in einigen Bereichen und Fällen bis zu 70%.

Erwartungen, die in Richtung einer Einmischung in strukturelle Missstände oder sozialpolitische Fragen gehen, werden gar nicht genannt. Auch die Aufforderung von Trägerseite, an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Klientel mitzuarbeiten scheint es nicht zu geben.

Eigene konzeptionelle Vorstellungen

Die eigenen konzeptionellen Vorstellungen der Befragten weichen zum Teil deutlich von denen der Trägererwartungen ab:

  • Deutlich kontrastiert hier die von den Befragten selbst für sich akzeptierte Rollenzuschreibung. Fast alle sehen sich als UnterstützerInnen ihrer Klientel. Die Rollenzuschreibungen und Erwartungen der Träger darüber hinaus werden so gut wie nicht geteilt.
  • Die allermeisten sehen sich als UnterstützerInnen ihrer Klientel (86%). Ihre Zielperspektiven liegen bei der Emanzipation (90%) und Empowerment (95%). Sie halten Beziehungsarbeit für wichtig und sehen sie nicht als Gefahr für die notwendige professionelle Distanz (90%). Die meisten halten es auch für ihre Aufgabe, die Lebenssituation ihrer Klientel zu verbessern 82%).
  • An einer ganzheitlichen Arbeit fühlen sie sich durch Zeitknappheit gehindert (82%).

Vergleicht man die Erwartungstendenzen der Träger mit den Vorstellungen, die die Befragten hinsichtlich ihrer Aufgaben haben, so zeigt sich deutlich, dass die SozialarbeiterInnen selbst noch wenig neoliberale Vorstellungen in ihren Wertehorizont integriert haben. Zum Teil fühlen sie sich auch noch durch ihre Träger unterstützt. In weiten Teilen gehen die Vorstellungen allerdings auseinander.

Zumindest bei der hier befragten Stichprobe spielt das professionelle Konzept für die MitarbeiterInnen nach wie vor eine wichtige Rolle. Allerdings sehen sie sich zum Teil von den anders ausgerichteten Erwartungen, die an sie gestellt werden, vor allem aber durch die gesetzten Beschränkungen in Richtung Zeitknappheit, Effizienz und Effektivität daran gehindert, entsprechend zu arbeiten.

  • Die meisten haben konkrete Vorstellungen, wie sie anders arbeiten würden, wenn sie die Möglichkeit dafür erhalten würden (88%).
  • Ihre Schlussfolgerung, die von allen geteilt wird (98%), dass die Klientel nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen, legt nahe, dass sie den Zusammenhang zwischen der für sie kritikwürdigen Berufssituation und den Folgen für die Klientel klar erkennen.

Die Sicht auf die sozialen Problemlagen, mit denen sie im Rahmen ihrer Arbeit zu tun haben, zeigt, dass die Aufmerksamkeit für soziale Problemlagen tendenziell mehr in Richtung der individuell erlebten Folgen der sozialen Problemfaktoren geht und z.B. eine Diskriminierung als zu bekämpfende soziale Problemlage angesehen wird, während die Ursachen selbst, die als objektive gesellschaftliche Dysfunktionalitäten existieren und sich im Leben der Betroffenen niederschlagen weniger im Zentrum zu stehen scheinen.

Verhältnis zu KollegInnen und Organisation

Befragt nach ihrer kollegialen Situation sieht das Bild eher positiv aus.

  • Weder haben die Befragten den Eindruck, dass sie sich in ihren Einschätzungen von den KollegInnen unterscheiden, noch fühlen sie sich unter den KollegInnen isoliert oder nicht ernst genommen

Da es sich bei der Stichprobe um eine Gruppe politisch organisierter SozialarbeiterInnen handelt, erstaunt diese Einschätzung und spricht dafür, dass die kritischen Einschätzungen der hier Befragten von den anderen MitarbeiterInnen nicht als unangemessen und übertrieben angesehen werden. Das geringe politische und gewerkschaftliche Engagement der Mehrheit scheint demnach nicht unbedingt eine Folge von Zufriedenheit zu sein.

  • Fast alle sehen die Möglichkeit, sich mit KollegInnen auszusprechen – offenbar aber eher informell. Die meisten sehen in ihren politischen Organisationen die Möglichkeit für Erfahrungsaustausch und solidarische Unterstützung.

Wer sich die Fragen und Ergebnisse im Einzelnen ansehen möchte:

Weiterlesen: PRAXIS-KRITIK – Das Ergebnis der Befragung 2024
Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Allgemeiner Sozialdienst und öffentliche Jugendhilfe, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe in Gefahr, Soziale Arbeit und Ökonomisierung, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Soziale Arbeit – Die ignorante Strategie der knappen Kassen

Publiziert am 25.8.2024 von m.s.

Neues als der neoliberalisierten Sozialen Arbeit

Teil 3

Es ist schon fast 10 Jahre her, als ich zusammen mit vielen VertreterInnen der Berliner Jugendämter und Berliner Jugendhilfeeinrichtungen an einer Senatsanhörung teilnahm. Die Betroffenen – darunter etliche Berliner JugendamtsleiterInnen, Vorsitzende der Jugendhilfeausschüsse, VertreterInnen der Parteien die Linke und die Grünen und engagierte MitarbeiterInnen aus der Praxis – stellten die damalige Situation der Berliner Jugendhilfeszene in aller Deutlichkeit dar.
Es war klar: Die Jugendhilfe in den Berliner Jugendämtern stand schon seit längeren unmittelbar vor einer Katastrophe.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung vom 6.2.23 der AG Weiße Fahnen (auf der Seite dort etwas herunterscrollen), der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft/Landesverband Berlin und des Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit/Landesverband Berlin heißt es:
Seit über 10 Jahren rufen Fachkräfte um Hilfe und sprechen über die anhaltend katastrophalen Zustände im Berliner Jugendhilfesystem. Wie im November 2022 in der Presse angekündigt, stecken wir jetzt mitten im Kollaps: Einrichtungen können nicht mehr aufnehmen, Notdienste und Jugendämter verbarrikadieren sich teilweise. Es gibt unzählige Forderungen an Jugendhilfeausschüsse, Hilferufe aus den Notdiensten; RSDs kündigen wochen- und monatelange Schließzeiten für Verwaltungsarbeit an; Eltern, Kinder und Jugendliche sind auf sich alleine gestellt …und nichts passiert!“

Die „AG Weiße Fahnen“, entstanden aus der damaligen Initiative der MitarbeiterInnen des Jugendamtes Mitte, kämpft seit Jahren um eine Verbesserung. Ohne durchschlagenden Erfolg, ohne angemessene Resonanz bei den politischen VertreterInnen.
Auch die Demonstration vom Juli 2023 ist ohne nennenswerte Erfolge geblieben: Damals sagte die 2. Vorsitzende des Berufsverbandes der Sozialen Arbeit in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel, es brenne aber nicht nur in den Notdiensten, sondern im ganzen System. Während der Corona-Pandemie seien Einrichtungen geschlossen worden, der Bedarf gestiegen. Inzwischen gebe es deshalb zu wenig Plätze in Kinder-, Jugend- und Mädcheneinrichtungen.
Notdienste wie der KND (Kindernotdienst) sind Anlaufstellen in Krisensituationen, Kinder und Jugendliche sollen dort eigentlich nur kurzzeitig für bis zu drei Tage untergebracht werden. Im KND bleiben die Kinder laut einem Bericht des RBB inzwischen aber teils mehrere Monate, weil langfristige stationäre Einrichtungen nicht genügend Plätze haben.

Seither hat sich die Lage kaum verändert.
Ich erinnere mich genau: Auch damals ging die Anhörung aus wie das Hornberger Schießen:
– Der CDU-Vertreter meinte, die Jugendämter seien sich gar nicht einig (er berief sich darauf, dass ein einziger der über 15 anwesenden Amtsleiter bemerkt hatte, er habe keine Probleme und käme mit dem Geld gut zurecht).
– Der SPD-Vertreter meinte, das sei ja alles schön und gut. Aber es gäbe viele Begehrlichkeiten in der Stadt, z.B. im Straßenbau und da sei die Jugendhilfe noch nicht dran.

Ich habe lange nicht ganz verstanden, woher die politischen VertreterInnen unserer Stadt angesichts der geschilderten Problemlagen ein solches Maß an Ignoranz hernahmen. Waren sie taub? Waren sie Menschenverachter?

Dann habe ich es irgendwann verstanden:
Da gibt es das ständige und von allen wie ein Gebet wiederholte Mantra von den „knappen Kassen“. Mit diesem Argument wird alle abgeblockt, seit Jahr und Tag und heute genauso.
Wir alle wissen, dass diese Gesellschaft und auch diese Stadt durchaus Geld genug hätte, diese Katastrophen zu beheben. Die Kassen sind nicht generell knapp. Sie sind gewollt knapp für diejenigen, die aus der Sicht der Politik nicht so wichtig sind.

Und nicht nur das: Es ist eine tief eingewurzelte Ansicht neoliberaler Politik, dass gerade Soziale Arbeit weitgehend solche Aufgaben erledige, die gar nicht wirklich nötig seien, dass sie diese zumindest auf eine Art und Weise erledige, die viel zu viel Geld verschlinge, weil die SozialarbeiterInnen zu weich, zu nachgiebig, nicht hart genug durchgreifen würden. Es gibt die Vorstellung, dass Soziale Arbeit sich ihr Aufgabenpensum und ihre Fälle selbst verschafft, um so als Beruf überleben zu können. Und man meint vor allem, dass KNAPPE KASSEN hier hilfreich sein können, denn sie zwingen angeblich die Soziale Arbeit dazu, sich mehr zu beeilen, sich Lösungen auszudenken, die kostengünstiger sind, sich die ganzen überflüssigen Umwege aus den Köpfen zu schlagen. Das sind die alten neoliberalen Argumente, die ab Hartz IV die Diskussion in der Sozialpolitik beherrschten und die jede Form des Sozialen letztlich für überflüssig, ja für schädlich halten.

Jetzt ist mir klar, warum diese Stadtväter (es waren nur Männer, aber das will nichts heißen, wir hatten auch schon Frauen, die sich der gleichen Ignoranz bedienten) ohne mit der Wimper zu zucken, die Schilderungen der Jugendhilfe-Katastrohen mit einem müden Lächeln überhörten und immer noch überhören. Sie denken sich vermutlich mit einer gewissen Genugtuung: ‚Na das klappt ja prima. Je weniger die bekommen, desto munterer werden sie und lassen sich was einfallen. Und es geht irgendwie ja auch so.‘

Knappe Kassen sind kein Zustand, sie sind eine politische Strategie des Neoliberalismus gegenüber allem, was er für Überflüssig hält.

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Soziale Arbeit – Neuerdings die rechte Hand der Polizei?

Neues als der neoliberalisierten Sozialen Arbeit
Teil 2

Die professionelle Soziale Arbeit möchte, ihrer humanistischen Konzeption entsprechend, Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens und damit bei der Lösung der Probleme unterstützen, die sie daran hindern. Das schließt bei den meisten Klienten auch die Notwendigkeit ein, auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen einzuwirken.
Ziel ist es, dass es den Betroffenen gelingt, die vorhandenen Probleme in einer Weise zu bewältigen, die ihre Lebenssituation subjektiv und objektiv verbessert. Dabei ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“ das zweite zentrale Ziel der professionellen Sozialen Arbeit. Ziel ist es, dass die Betroffenen durch die Unterstützung in die Lage versetzt werden, zukünftig ihr Leben eigenständig und in einer ihrem Wohl angemessenen Weise zu bewältigen.

Strafe, Druck sind keine sozialpädagogischen Mittel. Sie setzten den anderen unter Druck, dem er pragmatisch wahrscheinlich irgendwann nachgeben wird. Soziale Arbeit will keine Erfolge und Veränderungen erzwingen, sondern den Menschen eine Chance geben, sich zu entwickeln und dabei auch mögliche und für ihn hilfreiche Veränderungen selbst zu vollziehen. Ihr geht es um das Wohl und die Emanzipation der Betroffenen.

Dem neoliberalen Staat dagegen geht es um die Anpassung der Menschen an die Normen, wobei die Bereitschaft, – zu welchen Bedingungen auch immer – Erwerbsarbeit zu übernehmen als entscheidender Schritt zur Normanpassung gesehen wird.

Diese neoliberale „Modernisierung“ hat zu problematischen Verschiebungen im Aufgabenbereich der Sozialen Arbeit geführt, die aber von den Trägern der Sozialen Arbeit (z.B. Caritas, Arbeiterwohlfahrt, kleinere freie Träger) hingenommen werden, weil der Staat diese Aufgabenfelder gut finanziert und eine Ablehnung dieser Aufgaben finanzielle Probleme für die betriebswirtschaftliche Bilanz, wenn nicht die Insolvenz bedeuteten würde.

Immer öfter werden professionelle SozialarbeiterInnen mit Aufgaben belastet, die sie in die Nähe der staatlichen Ordnungspolitik bringen.

MitarbeiterInnen insbesondere aus Drogeneinrichtungen und aus der Betreuungsarbeit von Flüchtlingen berichten:

  • In unserem Stadtteil sollen wir sozusagen „Kontrolle laufen“, und registrieren, ob Drogensüchtige anzutreffen sind. Die Berichte gehen regelmäßig an die Senatsverwaltung und werden somit der Öffentlichkeit einschließlich der Strafverfolgungsbehörden zugänglich gemacht. Wir Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter werden so unversehens zu Hilfspolizisten, die dem Bezirk regelmäßig Konsumorte melden und damit berichten sollen, wo genau sich Drogen Konsumierende aufhielten.
  • Obwohl eine anonyme Beratung für Drogensüchtige auf unserer Webseite angeboten wird, lehnt die Behörde die anonyme Beratung Süchtiger ab, da diese Fälle nicht dokumentiert werden können. Beratung gibt es sozusagen nur im Austausch gegen die persönlichen Daten.
  • Die Polizei möchte gerne die Pässe minderjähriger Flüchtlinge kassieren, um deren wahres Alter herauszufinden und erwartet von den SozialarbeiterInnen in den Unterkünften bei diesem Ansinnen Unterstützung.
  • Von unserem arabisch sprechenden Kollegen erwartet die Polizei, dass er mitgehörte arabische Gespräche heimlich festhält und dann übersetzt. Diese Spitzelaufgaben gegenüber unserer Klientel lehnen wir ab.
  • Weil ein Kollege von uns in der Flüchtlingsarbeit nicht aussagt, droht man ihm mit dem Vorwurf der unterlassenen Straftatsvereitelung. Aber wenn KlientInnen sich uns nicht mehr anvertrauen können, dann können wir auch gleich aufhören.
  • Es gibt inzwischen etliche Träger, die von uns erwarten, mit der Polizei zusammen zu arbeiten. Insgesamt besteht die Tendenz, das Auftreten der Polizei im Falle von Krisen für nützlich und für eine Art Erziehungsmaßnahme zu halten.

Ein weiteres wichtiges Anliegen unseres neoliberalen „Sozialstaates“ ist es, dass diejenigen Menschen möglichst frühzeitig erkannt werden, von denen vielleicht – aus Sicht des Staates – einmal eine Gefahr für die Gesellschaft oder für ihn selbst ausgehen könnte. Das nennt der neoliberale Staat Prävention. Und hierfür kann er die Kompetenzen der SozialarbeiterInnen gut gebrauchen.
Im Verständnis der professionellen Sozialen Arbeit ist Prävention etwas ganz anderes: Präventive Ansätze professioneller Sozialer Arbeit versuchen Lebenslagen zu verbessern, damit eine Gefährdung oder Problematik gar nicht erst entstehen kann.

Unter dem Label „Prävention“ im Rahmen der neoliberalen Transformation werden Ansätze entwickelt, die letztlich nichts sind als Versuche, verdächtigte Personen oder Gruppen, von denen man spätere Probleme für die Gesellschaft erwartet, durch rechtzeitige Kontrolle im Griff zu behalten.
In die heute übliche Praxis, die man mit dem Begriff „Gewaltprävention“ umschreibt, wird nun die Soziale Arbeit intensiv einbezogen.

Die Übertragung von Aufgaben der „Gewaltprävention“ ist ein Versuch, Soziale Arbeit in ihren Aufgaben umzudefinieren und auf den Kopf zu stellen, denn Kriminalprävention bedeutet für die Soziale Arbeit einen grundlegenden Perspektivenwechsel: Weg von der solidarischen Unterstützung hin zur Stärkung ordnungspolitischer Gesichtspunkte. Das aber fügt der Sozialen Arbeit einen großen Schaden zu, denn eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei ist immer mit einem Vertrauensverlust gegenüber den KlientInnen verbunden.

Mitteilung einer Sozialarbeiterin, 29 Jahre alt, seit 5 Jahren in der Suchthilfe tätig:
„Vor einigen Jahren startete ein neues Projekt bei unserem Träger der Suchthilfe. Die hohe Zahl der neu in Berlin ankommenden Geflüchteten und die spezifischen Herausforderungen in den Berliner Bezirken erforderten eine Erweiterung und Öffnung der Angebote. Den Gefahren des Alkohol- und Drogenmissbrauchs mit seinen Begleit- und Folgeproblemen wie schweren Infektionen und Gesundheitsschäden, Sucht, Gewalt und Kriminalität unter den Flüchtlingen und im öffentlichen Raum in Berlin sollte entgegengewirkt werden. Generell wird davon ausgegangen, dass das Drogenkonsum- und Suchtrisiko bei Geflüchteten erhöht ist, da sie die Flucht, das schwierige Ankommen und Leben in Deutschland sowie traumatische Erlebnisse bewältigen müssen und Drogenkonsum teilweise bereits im Herkunftsland praktiziert wurde. Durch frühzeitige Intervention soll dem Integrationshemmnis „Sucht“ und der Einbindung in kriminelle Milieus bzw. der Verfestigung kriminellen Verhaltens entgegengewirkt werden.
Erstmals wurde vor einigen Jahren dann in der Satzung des Trägers neben dem Begriff „Gesundheitsförderung“ auch der Begriff „Kriminalprävention“ eingeführt. Hintergrund ist, dass das BAMF Gesundheitsförderung grundsätzlich nicht fördert, anders als Kriminalprävention (also: ein trojanisches Pferd).
Die Übernahme dieses Projektes hatte weitreichende Konsequenzen: Der Träger muss zukünftig in allen Arbeitsbereichen darauf hinweisen, dass er nicht nur Gesundheitsförderung, sondern auch Kriminalprävention betreibt. Die Begriffe „Gesundheitsförderung“ und „Kriminalprävention“ werden gleichgesetzt.
Die Kolleg*innen lehnten den Begriff „Kriminalitätsprävention“ damals mehrheitlich aus guten Gründen ab. Er steht für die Versicherheitlichung der Sozialen Arbeit. Wenn überhaupt, muss aus Sicht der Sozialarbeitenden Integrationshilfe und nicht Kriminalitätsprävention im Vordergrund stehen. Kriminalitätsprävention ist stigmatisierend, zudem diskriminierend und verharmlosend. Viele Drogengebraucher*innen haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Die Illegalisierung von Drogen zwingt Drogengebraucher*innen in die Kriminalität und die damit verbundenen (gesundheitlichen) Risiken. Entkriminalisierung ist daher eine zentrale Forderung der Sozialen Arbeit im Bereich der Suchthilfe und sollte es auch bleiben.

Nach dreimonatiger Diskussion über den Begriff und der einstimmigen Aufforderung der Belegschaft an die Geschäftsführung, den Begriff von der Website und aus den Statuten zu entfernen, wurde lediglich mitgeteilt, dass dies nicht möglich sei. Der Begriff bleibe, andernfalls könne der Träger zukünftig nicht bestehen, weil der Staat die Finanzierung dann aussetzen würde.“

Was hier geschieht, ist quasi eine Vereinnahmung Sozialer Arbeit durch Kriminalpolitik, ihr Missbrauch als Ordnungswächter.

Ein Sozialarbeiter kommentiert:

„Wir SozialarbeiterInnen sollen zu den Jugendlichen Vertrauen aufbauen, für ihre Nöte und Sorgen offen sein. Und dann wird verlangt, dass wir sie als potentielle Gefährder melden? Sollen wir dies tun, weil niemand sonst diese Jugendlichen erreicht und wir durch Vertrauensaufbau Kontakt zu ihnen bekommen? Da dreht sich mir der Magen um.“

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