„Sozialraumorientierung“ und was daraus wird, wenn die Politik zugreift

Stellungnahme zum:

Modellprojekt „Erziehungshilfe, Soziale Prävention und Quartiersentwicklung“ (ESPQ) in Bremen. Wissenschaftliche Begleitung Prof. Olk (Halle)

Fazit:

Abschließend muss man aus fachlicher Sicht folgende Aussagen treffen:

1. Die kritiklose Akzeptanz des Wunsches der Politik, egal wie, Kosten im Bereich ambulanter Hilfen  zur Erziehung zu sparen, müsste deutlich zurückgenommen werden.
Es kann nicht sein, dass es in unserer Gesellschaft Problemlagen innerhalb der Jugend gibt, die dringend einer intensiven Unterstützung und Lösung bedürfen und die trotzdem negiert werden und für die man sich nicht zuständig fühlt.
Es müsste zudem von Seiten unserer Disziplin deutlich darauf hingewiesen werden, dass die Ersparungen an der Hilfe zur Erziehung, die vielleicht möglich sind, wenn man den ASD wirklich wieder in seine eigentlichen sozialpädagogischen Aufgaben einweist und damit die „falschen“ Hilfen zur Erziehung aussetzen kann, nur die eine Seite sind.
Eine, wie hier geforderte, fachliche Umsetzung einer wirklich qualifizierten und für die komplexen Problemlagen von Familien ausgewiesenen ambulanten Hilfe dort, wo diese notwendig ist, würde zweifellos auch Geld kosten, denn die derzeitige Ausstattung ist größtenteils völlig unzureichend. Hier wäre Klarheit und Ehrlichkeit angesagt.

Wer aber unbedingt  in diesem Bereich Kosten reduzieren will – den fachlichen, sozialpolitischen und ethische Notwendigkeiten zum Trotz – der  wird dies nicht gerne hören.
Olk wählt hier einen pragmatischen Weg, von dem er vielleicht hofft, auf diese Weise und wenn er mit möglichen Sparoptionen winkt, dringend erforderliche fachliche Selbstverständlichkeiten wieder re-installieren zu können. Aber er muss damit rechnen, dass diese Absicht das nach hinten losgeht, wenn nicht die Forderung nach mehr, und zwar deutlich mehr Personal im ASD eingelöst wird..

 

2. Die massive Verstärkung der ASD-Teams in den einzelnen Stadtbezirken wäre für eine flächendeckende Umsetzung ein absolutes Muss.
Olk betont immer wieder, dass die von seinem Modellprojekt erzielten Effekte (von Kostenreduktion  wie von besserer Fachlichkeit) eine direkte Folge der personellen Ausweitung darstellt.
2012 hat die Politik diese Aussage offenbar akzeptiert, vielleicht aber nur für die Modellphase.
Die als „Sozialraumorientierung“  vor gestellte neue Fachlichkeit des ASD kann ohne diese personelle Erweiterung (und zwar im konkreten Fall des Projektes um 6 volle Stellen) nicht geleistet werden. Würde sie dies heute nicht mehr beherzigen wollen, wäre die Folge, dass die MitarbeiterInnen noch stärker unter Druck gerieten und die Scheinheiligkeit in den Ämtern zum Himmel stänke.

 

3. Ohne eine fachliche Rekonstruktion der ambulanten, familienbezogenen Erziehungshilfen, eine fachliche Klärung ihrer Möglichkeiten und ihrer Aufgaben, wird die Wiedereinsetzung des sozialpädagogischen Fachkonzeptes für den Allgemeinen Sozialen Dienst nicht wirklich funktionieren, weil dann ungelöste Probleme im Raum stehen bleiben. Ihre Bagatellisierung, Vertröstung, Verschiebung dürfte sich in absehbarer Zeit rächen.
Da wo massive, komplexe auch psychosoziale  Problemlagen in Familien und in der Sozialisationssituation von Minderjährigen bestehen, muss die Kinder- und Jugendhilfe über Handlungsmöglichkeiten verfügen und hier tätig zu werden. Wenn sie sich aus der Verantwortung stiehlt, wird es zum einen gewaltige Folgekosten geben, wenn solche verschleppten Probleme entweder Heimerziehung unabdingbar machen oder vermehrt zu Kindeswohl gefährdenden Situationen führen.
Zum zweiten  würde die Jugendhilfe auf diese Weise  zur Verschärfung der Problemlagen vieler Minderjähriger beitragen und die Zunahme von Selbsttötungen, psychosomatischen Erkrankungen und Gewalteskalation selber aktiv vorantreiben

 

Anlass für die Stellungnahme

Das Bremer Bündnis für Soziale Arbeit hat um Unterstützung gebeten bei der Einschätzung der Vorgänge in der Jugendhilfe Bremen. Nach 4 jähriger Projektdauer des Projektes „Erziehungshilfe, Soziale Prävention und Quartiersentwicklung“ (ESPQ) (Wissenschaftliche Begleitung Prof. Olk  u.a. ,Halle), das in nur einem Bremer Stadtteil durchgeführt wurde, steht jetzt offenbar die Verallgemeinerung der Modellergebnisse und deren Folgerungen ins Haus.

Es gibt Widerstand von den Wohlfahrtsverbänden und den Personalräten im Jugendamt. Letztere sowie das Bremer Bündnis befürchten  einen neuen „Staatsstreich“ im Sinne der Ökonomisierung: „Neue Aufgaben aber kein zeitlicher und personeller Ausgleich“. Die vergangenen Erfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe legen solche Befürchtungen mehr als nah.

 

Als Informationen liegen zur Bewertung zu Grunde:

  • Der Zwischenbericht der Wissenschaftlichen Begleitung von 2012
  • Die Vorlage für die 06. Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 29. Juni 2012
  • Die Vorlage für die Sitzung der städtischen Deputation für Soziales, Kinder und Jugend am 5. Juli 2012
  • Das Protestschreiben der Wohlfahrtsverbände von 2013

 

Stellungnahme

Anhand der vorliegenden Papiere soll versucht werden, das Modellprojekt selbst und seine derzeit geplante generelle Umsetzung einzuschätzen und entsprechende Kritikpunkte zu benennen. Außerdem werden wir konkrete Forderungen (am Ende dieses Textes)  aufstellen, die aus fachlicher Sicht zu erfüllen sind.

1.      Politische Einschätzung

Zunächst und vor jeder anderen Betrachtung und Argumentation muss Folgendes festgehalten werden:

Die pragmatische Übernahme der Auftragsstellung ‚Kostensenkung der ambulanten Hilfen zur Erziehung‘, die geschieht,  ohne sie wenigstens fachlich zurechtzurücken oder zu kommentieren,  diskreditiert die gesamte Konzeption und den Ansatz des Modellprojektes.

Wobei es nicht darum geht, dass die Fragestellung: „Müssen wir so viel Geld ausgeben und geben wir das Geld für das Richtige aus?“ etwa nicht legitim wäre.
Die Vermeidung von Opportunitätskosten oder von Kosten, die durch Unfachlichkeit entstehen, ist eine Einsparmöglichkeit, die durchaus sinnvoll und im Grund erforderlich ist.

Bei der oben genannten Grundsatzkritik an diesem Modell  geht es vielmehr  darum, dass hier der Wille der Politik zum unbedingten Kostensparen im Rahmen von Kinder- und Jugendhilfe von Vertreterinnen der Disziplin ohne Bedenken  akzeptiert und mitgetragen wird.

Damit aber wird von Olk et. al die Haltung der politischen Kräfte akzeptiert, die es für legitim halten, im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe willkürliche Kostenbegrenzungen zu setzen, egal welche Anforderungen von der Sache her im Raum stehen. (Eine Haltung, die z.B. der Berliner Flughafen oder die Bankenrettungen nie erfahren haben.)

In Folge dieser Eingangseinstellung der WissenschaftlerInnen  verbietet sich im Anschluss für das Projekt wie für seine Wissenschaftliche Begleitung logischerweise manche Überlegung von vorneherein. Z.B. gibt es keinerlei fachliche Reflexion der Bedeutung  von Intensität und Dauer von Hilfen. Diese werden ausschließlich als Kostenfaktoren, nicht als Variablen im Kontext von sozialpädagogischer Wirksamkeit betrachtet. Und es folgt vor allem zwangsläufig eine Tabuisierung der ambulanten  Hilfen zur Erziehung, und zwar speziell der beiden familienbezogenen Hilfen (mehr dazu weiter unten).

Bevor  konkrete Hilfeformen als zu teuer und als deshalb möglichst zu vermeiden stigmatisiert werden, wäre es aus fachlicher und wissenschaftlicher Sicht notwendig gewesen, zunächst einmal zu fragen:
1. Was könnten und sollten sozialpädagogische Familienhilfe bzw. Erziehungsbeistandschaft leisten, was über eine (auch über eine wieder sozialpädagogisch orientierte; s.u.) Beratung durch den ASD hinausgeht?
2. Bei welchen Problemlagen sind sie die notwendigen und geeigneten Hilfen?
3. Welche Bedingungen bräuchten sie, damit sie das leisten können.

Bemerkenswert ist zum Weiteren, dass im Rahmen des Projektes an die Frage niemals gerührt wird, wie es überhaupt zu der derzeitigen Deformation von ASD-Praxis, die sich heute meist nur noch auf Verwalten und Kontrollieren beschränkt, kommen konnte und ebenso, was die besagten ambulanten Hilfen derartig inflationär und „zahnlos“ gemacht hat.
So entsteht automatisch der Eindruck, als handele es sich beim gegenwärtigen desolaten Zustand (diese Einschätzung teile ich durchaus; s. u.) der Arbeit im ASD und in vielen ambulanten Hilfen um fachliches Versagen der Profession. Damit diskreditiert Olk die Profession und speziell die Hilfen zur Erziehung , spricht aber den Staat von jeder Schuld z.B. für die Anwendung der Neuen Steuerung im Sozialbereich frei . Er negiert dessen Verantwortung  für eine fachlich inakzeptable Entwicklung von ASD-Arbeit und ambulanten Erziehungshilfen, wie sie in den letzten 20 Jahren stattgefunden hat. Der „Sozialraum- Ansatz“ scheint nun  der Retter in der fachlichen Not und alles was er vertritt, ist angeblich Neuland und unglaublich  bemerkenswert.

Olk ignoriert so die massiven Folgen, die die Neue Steuerung und die Ökonomisierung der Fachlichkeit systematisch angetan haben.
Damit aber bleibt leider auch die Frage im Raum stehen:
Wird Olk sich z.B. wehren, wenn aus seinem fachlichen Projekt später  in der Praxis  etwas anderes wird? Politik pflegt  von den Ergebnissen eines Modellprojektes meist nur das herauszulesen, was in ihren Augen nützlich ist. Und sie vernachlässigt dann nicht selten andere fachliche Notwendigkeiten, die im Modellprojekt eine entscheidende Rolle gespielt haben, auch dann, wenn von wissenschaftlicher Seite dies immer wieder betont wurde. Sie hat ihre Gründe dafür, Kostengründe.
Diese Erfahrungen macht die Praxis seit vielen Jahren überall da, wo „Sozialraumorientierung“  als politisches Steuerungsmodell der Verwaltung Realität geworden ist.

Befürchtet werden muss z.B., dass die Bremer Jugendhilfeverwaltung in Zukunft die von Olk eingeführte „neue“ Fachlichkeit vom ASD verlangt, ohne aber die personelle Aufstockung in allen Stadtteilen der der Größenordnung zu vollziehen, wie dies im Modellprojekt geschah- obwohl diese immer wieder als unabdingbare Voraussetzung eines Gelingens genannt wurde.  Offenbar gibt es jetzt, im Jahre 2014, wo die flächendeckende Umsetzung ansteht, Befürchtungen, dass genau das passieren könnte – mit dem Ergebnis,

  • dass die ASD Mitarbeiter noch mehr unter Druck geraten und trotzdem keine sozialpädagogische Arbeit leisten können,
  • dass die Hilfen zur Erziehung aber halbiert, diskreditiert und tabuisiert werden und niemand mehr dafür sorgen kann, dass KlientInnen bei einem entsprechenden Bedarf – bevor es zur Kindeswohlgefährdung kommt – persönliche und intensive Hilfe erfahren,
  • dass Bremen dann nicht nur 500 000 Euro pro Bezirk in den ambulanten Hilfen einspart, sondern auch noch die 200 000, die nach Olk für die personelle Mehrbesetzung des ASD  je Stadtteil (mit zusätzlich etwa 6 Stellen) ausgegeben werden müssten.

Warum aber, so fragt man sich angesichts der Ignoranz von Olk gegenüber den Folgen der Neuen Steuerung,  sollte er in diesem Falle zu einer solchen Entwicklung nicht auch schweigen?
Wenn im Folgenden in dieser Stellungnahme  immer wieder gesagt werden muss, dass es offen bleibt, was die Politik schließlich aus den  zum Teil guten Vorschlägen dieses Modellprojektes machen wird, dann speist sich diese Unsicherheit und dieses Misstrauen genau hieraus: Da Olk die Gefahren und bisherigen Folgen der Neuen Steuerung, der Ökonomisierung, der Verbetriebswirtschaftlichung, der Vermarktlichung nicht sieht, beziehungsweise sie tabuisiert, muss auch jetzt damit gerechnet werden, dass er einer Instrumentalisierung seines Ansatzes einfach neutral zuschauen wird.
Ähnliches machen Hinte und Budde, wenn sie die fachfremden und kontraindizierten Entwicklungen ihrer „Sozialraumorientierung“  in der Praxis zu Kinderkrankheiten erklären und gelassen abwarten, dass und ob sie sich geben.

 

Was hier zur Stellungnahme und Kritik vorliegt, ist ein wissenschaftlich geleitetes Modell, nicht das, was jetzt schon oder später von der Politik daraus gemacht wird. Das sei der fachlichen  Einschätzung vorausgeschickt und unter diesen Vorzeichen sind die Aspekte zu sehen, die im Folgenden – durchaus auch  mit positivem Akzent, festgehalten werden.

 

2.       Fachliche Einschätzung des Modellprojektes

Der  kritischen Einschätzung der fachlichen Seite des Modellprojektes soll zum besseren Verständnis zunächst folgende Einschätzung der gegenwärtigen Lage von ASD und ambulanter Hilfe vorausgeschickt werden:

2.1 Faktisch ist ja Folgendes in den letzten Jahrzehnten geschehen:

Der ASD hat gegenwärtig keinerlei Zeit und Möglichkeiten mehr, sich als sozialpädagogische Instanz zu bewähren. Längst werden kontinuierliche, persönliche, motivierende, diagnostisch orientierte sozialpädagogische Kontakte mit KlientInnen nur noch selten geführt. Man schiebt stattdessen diese Arbeit den ambulanten Hilfen zu, die man damit zum einen überfordert, zum zweiten falsch einsetzt. Hier werden Aufgaben der federführenden sozialpädagogischen Kraft einfach aus der Verantwortung des öffentlichen Trägers weggegeben.  Hier hat eine ungute Aufgabenverschiebung stattgefunden, die fachlich überhaupt keinen Sinn macht

Man schiebt also die ASD Aufgaben  an die ambulanten ErziehungshelferInnen. Gleichzeitig wurden deren Arbeitsbedingungen so sehr zusammengestrichen, dass sie für ihre Familien selbst nur noch so wenig Zeit haben, dass sie faktisch auch nichts  anderes tun können, als sporadische Gespräche zu führen.  Sie haben heute in der Regel für ihre Familien kaum mehr Zeit, als es der ASD sie hätte,  wenn er – wie im Modell – durch personelle Aufstockung wieder fachlich-sozialpädagogisch arbeiten dürfte. Dass heute manche Jugendämter meinen, nicht  nur sie sondern auch die FamilienhelferInnen z.B. machten Fallmanagement, zeigt deutlich, dass man zusammen mit dieser Verschiebung die Notwendigkeit für das, was eine Hilfe zur Erziehung leisten könnte, völlig aus den Augen verloren hat.

Hier setzen Olk et al. mit ihrer Konzeption an:

 

2.2 Im Folgenden sollen die fachlichen Konzepte und Vorstellung in ihren durchaus positiven Aspekten und hinsichtlich ihres Grundfehlers bewertet werden:

Es gibt durchaus Aspekte der Vorstellungen und praktischen Umsetzungen im Modellprojekt, die man aus fachlicher Sicht begrüßen muss.

  • Wieder fachliche, sozialpädagogische ASD-Arbeit
    Das, was Olk als neue Fachlichkeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes forciert, implementiert und umzusetzen versucht (durch Fortbildung und organisatorische Strukturen), das ist weitgehend genau das, was eine lebensweltorientierte Soziale Einzelfallarbeit seit Jahrzehnten fordert. Z.B.

    • Olk stellt es zu Recht als selbstverständlich dar, dass der ASD, soll er denn wieder sozialpädagogische Aufgaben wie Diagnose und Beratung übernehmen, personell massiv verstärkt werden muss. Er stellt fest, dass die MitarbeiterInnen Freiräume brauchen für eine gute, durchdachte Arbeit, für fachlichen Austausch untereinander, für das „genaue Schauen“.
    • Der erste Hilfeplan muss laut Olk und wie im Gesetz vorgesehen vor Maßnahmebeginn erstellt werden.
    • Der ASD macht wieder Diagnose und Beratung, reicht die Fälle nicht einfach nur an ausführende Träger weiter, die dann ihrerseits bei  Null anfangen müssen.
    • HzE –Maßnahmen werden neu geschaffen (§27 a), das heißt, man distanziert sich vom Schubladendenken des „Hilfekanons“, der eher ein Missverständnis der Verwaltung als dass er fachlichem Denken entspringt. Dass heißt, man setzt die Aufforderung des KJHG um, kreativ, individuell und sozialraumorientiert und vor allem individuell passende,  auch neue Hilfen zu kreieren, die nicht schon im Katalog enthalten sind.
    • Olk will damit ermöglichen, dass sich die ASD-MitarbeiterInnen mehr mit den Lebenslagen und der Lebenswelt der AdressatInnen auseinandersetzen.
    • Dadurch werden passgenauere Hilfen erst möglich.
    • Adressatenwille, Subjektorientierung, Aushandlung werden von Olk et al. bewusst herausgestellt. Es soll nicht am oder für den Klienten gearbeitet werden sondern mit ihm.

 

  • Mehr Fachlichkeit des ASD
    • Man kann nicht feststellen, dass im Konzept des Modellprojektes von  mehr Kontrolle, von Disziplinierung oder auch von mehr Dokumentation oder mehr Bürokratie die Rede ist.  Was Olk möchte ist mehr Fachlichkeit des ASD, keine Frage.
      Was später daraus gemacht wird, ist ein anderes Problem, denn die Kontrollbedürfnisse des Staates sind ja da und z.B. bietet die favorisierte  Methode CM dafür gute Voraussetzungen.
    • Die Bedeutung einer personalen Verstärkung des ASD wird als wichtigste Voraussetzung genannt und nicht etwa versteckt. Tatsächlich werden die Personalkosten des ASD mit den eingesparten Mitteln verrechnet. Auch die Politik nimmt diese Personalausstattungsnotwendigkeit zumindest 2012  in den Mund und scheint sie zu akzeptieren.
    • Olk weist dem ASD als ganz klar (wieder) sozialpädagogische Aufgaben zu.
      Wieweit hier wirklich pädagogische Arbeit gemeint ist, bleibt allerdings fraglich. Von ihm gewählte Begrifflichkeiten für die Arbeit des ASD wie  CM, Beobachtung etc. lassen befürchten,  dass letztlich doch nur Fallmanagement geleistet wird.
      Auf alle Fälle aber wird im Konzept des Modellprojektes nicht versucht, die angespannte Lage im ASD  durch eine Abschiebung der Problematik zur Schule und eine Abschiebung zu sozialräumlichen Angeboten zu lösen. Zumindest wird dazwischen eine sozialpädagogisch gedachte  Beratungsphase des ASD  geschaltet, die mehr als 3 Gespräche umfasst  und bis zu 10 Monate dauern kann. In diesem Rahmen  wäre auch aus unserer Sicht  eine sinnvolle Kooperation mit Stadtteil und Schule möglich.
      (Aber Achtung: Die Politik betont  an erster Stelle – im Unterschied zum Konzept von Olk et al. –  schon 2012 vor allem Prävention und Schulkooperation –obwohl das nicht so im Zwischenbericht  des Modellprojektes steht)
    • Olk geht von der Einteilung: Grauzone, Leistungsbereich und Gefährdungsbereich aus. Er  weist den Leistungsbereich nicht grundsätzlich ab, wie es heute nicht selten Praxis in Jugendämtern ist, sieht für ihn aber vor allem den Einsatz von ASD Beratung und Stadtteilressourcen vor (hier setzt unsere Kritik an, s. u.)
    • Interessant und durchaus aber positiv ist: Olk löst sich von der Fixierung auf KiWoGe (Interessant hier die Reaktion der freien Träger)
    • Er betont die Erforderlichkeit einer guten Diagnose und eines genauen Schauens
      (Frage ist, wie wird diagnostiziert???) .
    • Auf alle Fälle soll auch mit der Klientel zusammen diagnostiziert werden.
    • Er will die Ermöglichung passgenauer Hilfen durchsetzen (Eine selbstverständliche Forderung, finde ich. Was um Gottes Willen ist in diesem Punkt denn bisher gelaufen???)
    • Er sieht auch die Notwendigkeit, den ASD MitarbeiterInnen mehr Sicherheit und   Luft und Freiraum zum Nachdenken zu verschaffen.

 

  • Die „Sozialraumorientierung“ , wie sie im Rahmen des Modellprojektes vertreten und vermittelt wird,  wird hier deutlicher fassbar und erscheint nicht nur als Floskel

 

  • Die fachliche Darstellung und Konkretisierung der „Sozialraumorientierung“  von Einzelfallarbeit des ASD unterscheidet sich von oft  den eher plumpen und fachlich Vorstellungen einer  „Sozialraumorientierung“
  • „Sozialraumorientierung“  ist so, wie Olk sie einführt , nicht als Synonym für Ökonomisierung  gemeint.
  • Die Möglichkeiten der fallspezifischen Beachtung der „Sozialraumorientierung“  werden fachlich sehr angemessen und praktikabel vorgestellt.
  • Die Sozialraum-Analyse des betreffenden Stadtteils ist solide und ihre Bedeutung für die Einzelfallarbeit wird durchaus offenkundig.
  • Die „Integration sozialräumlicher Methoden in den Arbeitsalltag“ wirkt überzeugend, realistisch und unspektakulär.

 

  • Durch die Heranziehung des ASD zu fachlichen, sozialpädagogischen Aufgaben übernimmt der Staat wieder Verantwortung.
    • Die Verantwortung wird nicht länger auf freie Träger (und damit auch auf Unternehmen) abgeschoben. Das ist positiv zu sehen.
    • Dass der ASD, der schließlich federführend ist, die Aufgabe hat, mit der Klientel zu arbeiten und es nicht seine Hauptaufgabe ist, HzE zu vermitteln, ist fachlich völlig korrekt. Ein ASD, der wieder fachlich arbeitet ist seit langem notwendig!
      Fraglich ist allerdings auch hier, was das dann bedeutet:
      – Arbeitet der ASD dann wirklich fachlich sachlich, oder aber ist er auf kostensparende Strategien festgelegt, auch dann, wenn sie nicht ausreichend und nicht sinnvoll sind?
      – Auch hier stellt sich die Frage, was er damit machen wird. Nutzt er sie zur Kontrolle, zur Kostendämpfung, zur Bürokratisierung?
      Olk äußert sich dazu nicht, so wie er auch keine Beschreibung dessen liefert, was Gegenstand z.B. einer Beratung seiner Case ManagerInnen ist. Das bleibt unbeschrieben und kann somit  sicher nicht nur fachlich, sondern auch mit den üblichen betriebswirtschaftlich orientierten Inhalten ausgefüllt werden.

 

  • Als positiv ist schließlich auch zu vermerken: Der Bericht strahlt eine relative Ehrlichkeit aus.
    • Die pragmatische Absicht wird nicht verschleiert (Kostensenkung allerdings auch nicht reflektiert oder infrage gestellt). Woei diese Ehrlichkeit die Sache selbst nicht besser macht!
    • Die Voraussetzungen für eine Veränderung, auch wenn sie mehr Geld kosten, werden genannt ohne sie zu verstecken (Personal)
    • Das Ergebnis ist sonnenklar und wenig spektakulär:
      *Fallzahlen bleiben konstant (also wird der Bedarf nicht künstlich geschaffen).
      *Inobhutnahme-Notwendigkeiten nehmen sogar ein wenig zu.
      *Es gibt sogar mehr Fremdplatzierungen.
      *Und es gibt auch mehr Einzelfallhilfenach §34 und viele neue Hilfen nach §27 a.
      *Es gibt eine deutliche Zunahme von Beratung
      und gleichzeitig
      * gibt es eine deutliche (gesteuerte) Abnahme der Inanspruchnahme von SpFH und  Erziehungsbeistandschaften (50% weniger)
      *Und es gibt eine deutliche Abnahme der Kosten.

Kurz gesagt:
Mehr Beratung durch den  ASD bedeutet: weniger familienzentrierte ambulante Hilfen.
Olk nennt offen sein Ziel und hält es hier für erreicht:  Es geht also um eine  einfache Verschiebung: mehr ASD Aktivität und weniger ambulante Hilfen.

Nun ist festzustellen: Die heutige Praxis einer unreflektierten Verschiebung aller Fälle Richtung HzE ist tatsächlich höchst problematisch, weil hier die angemessene Vorbereitung, Motivierung, Diagnose, Indikationsstellung fehlen und damit Hilfen weder individuell passend noch strukturiert laufen werden. Wir halten es sehr wohl auch für wahrscheinlich, dass viele ambulante Hilfen  zur Zeit falsch liegen: weil sie vielleicht nur noch ein Alibi sind und Geld sparen sollen, weil sie zu hoch aufgehängt sind und durchaus weniger Aufwand möglich gewesen wäre, der ASD aber keine Zeit fand und die Sache untergebracht wissen wollte oder weil eigentlich hier nur Kontrolle gewollt ist usw. Hier wird tatsächlich Geld umsonst, an der falschen Stelle ausgegeben. Die hier einzusparenden Kosten fallen unter die Art von Kosten, die Folge einer unzureichenden oder fehlenden Fachlichkeit sind. Ein Jammern freier Träger, die durchaus in der Vergangenheit von dieser  unreflektierten Schwemme profitiert haben, halte ich hier wahrhaftig nicht für relevant.

Hinzu kommt allerdings: Dass viele HzE nicht greifen können, weil die notwendigen zeitlichen und sonstigen Ressourcen fehlen. Hier wäre dagegen möglicher Weise mehr Geld notwendig, damit das Geld auch richtig eingesetzt ist.

 

2.c Aber, und damit komme ich zu den entscheidenden Kritikpunkten und Versäumnissen des Modellprojektes:

 

  • Es kann  nicht  die Konsequenz dieser Rückverschiebung des Falleinstiegs in den ASD selbst (s.o.) sein, ambulante Hilfen zur Erziehung dann am besten gar nicht mehr leisten zu wollen.Denn dort, wo sie nötig sind und wo sie richtig sind (auch eine Frage einer guten Diagnostik) dort müssen sie geleistet werden,  und sie müssen so ausgestattet sein, dass sie ihre Aufgabe dann erfüllen können.
    Solche Gedanken und Planungen finden sich im Modellprojekt aber  an keiner Stelle. Der Baum der Hilfe zur Erziehung wird neu aufgebaut: Die Rolle des ASD wird wieder richtig definiert. Aber der eine Teil des Baumes wird dann systematisch vernachlässigt und soll langsam vertrocknen. Dann kann man ihn getrost ganz entfernen. Und somit ist die gesamte Argumentation und der gesamte „Neuaufbau“ fragwürdig.

Es soll nicht bestritten werden, dass es einen Sinn macht, auf den Einsatz von  ambulanten Hilfen dann zu verzichten, wenn hier die Maßnahme Familienhilfe eingesetzt wurden für Aufgaben, die weder gut vorbereitet noch gezielt überlegt worden waren und die vor allem Inhalte  beinhalteten, die durch gute ASD Beratung und möglicherweise auch durch die aktive Nutzung vorhandener Ressourcen in der Lebenswelt der KlientInnen vielleicht sogar besser hätten bearbeitet werden können. Bis hierhin stimme ich den fachlichen Vorstellungen von Olk et a. zu.
Aber das ist nur die eine Seite.

Denn wenn jetzt zu Recht gefordert wird, dass der ASD endlich wieder als sozialpädagogische Fachkraft tätig werden soll, glaubt man ganz offenbar, damit die Hilfen zur Erziehung überflüssig machen zu können. Und das ist ein vorschneller, wissenschaftlich und fachlich nicht zu vertretender Schluss, der den gezielten Vorabplanungen der Einsparung dieser Hilfen geschuldet ist.

Folge dieser  Umorientierung müsste vielmehr auch  sein, dass man jetzt endlich die ambulanten Hilfen wieder für die Arbeit einsetzt – und sie fachlich mit der Klientel im ASD gut vorbereitet-  für die sie eigentlich vom Gesetz vorgesehen sind und für die sie qualifiziert sind. Es gibt viele  Problemlagen bei unserer Klientel, die nicht allein durch eine verbesserte ASD-Arbeit oder auch durch Gruppenangebote und Gruppen spezifische Angebote nach §27a angemessen bearbeitet werden können. Zwischen der „Kindeswohlgefährdung“ und dem von Olk et al. genannten Bedarf an „Hilfe im Alltag“ gibt es Problemlagen, die sehr wohl intensive Hilfe erfordern. Hier aber sind die KlientInnen angewiesen auf intensive, nicht eng befristete Hilfen, die eine gute Vertrauensbasis voraussetzen und als Beziehungsarbeit in der Lage sind, Veränderungen auch im psychosozialen Bereich – z.B. innerhalb von Familienbeziehungen – im und mit der Klientel anzustoßen und zu begleiten.

 

  • Die ambulanten Hilfen spFH und Erziehungsbestand werden tabuisiert und negiert:

Diese Tabuisierung  wird natürlich zunächst gesteuert durch die Auflage der Politik, ein kostensenkendes Konzept zu erstellen und die willkürliche Botschaft, ambulante Hilfen seien zu teuer und würden das Geld nicht wert sein, das sie Kosten.

Davon abgeleitet ergibt sich eine fachlich unangemessene  und unerklärte Distanz zu diesen Hilfen: Sie werden weder inhaltlich vorgestellt, noch wird ein Vorschlag entwickelt, wie sie sich verbessern könnten. Man reflektiert nicht ansatzweise  ihre potentielle Leistungsfähigkeit, ihre Besonderheiten und ihre Alleinstellungsmerkmale gegenüber den anderen Möglichkeiten der Hilfe.

Bei der festgestellten Zunahme der Hilfen nach §27a und der Zunahme der intensiven Einzelbetreuung nach § 34 kommt man zur Interpretation, dies sei Folge der Tatsache, dass die ASD-MitarbeiterInen nun mehr ihren Blick auf die Lebenswelt der AdressatInnen gerichtet hätten als bisher.  Ambulante HzE und die Gründe für ihre Wahl werden inhaltlich nicht diskutiert. Was der Unterschied zu den neuen Hilfen nach §27a ist, wird nicht aufgezeigt.
Ein Zusammenhang der SpFH und der Lebenswelt wird einfach geleugnet. So steht die Behauptung, die  Wahl einer spFH oder einer Erziehungsbeistandschaft sei per se eine falsche, nicht durchdachte Wahl. Damit werden diese beiden Hilfen systematisch diskreditiert.

Ein solches Vorgehen ist nicht nur fachlich unangemessen, es ist auch schlicht unwissenschaftlich.

  • Entwertung intensiver Elternarbeit

Die Negierung und Tabuisierung gerader dieser beiden Hilfen zur Erziehung legt zudem den Eindruck nahe, dass es auch um eine Diskreditierung von Familienarbeit als solcher geht. (Es gibt zwar keine  Aussagen gegen den Sinn von Familienarbeit. Der ASD arbeitet ja schließlich auch mit den Familien.) Man ist versucht, hier die Tendenz zu erkennen,  Eltern, besonders benachteiligte und sogenannte bildungsferne Eltern, im Zweifel einfach auszuhebeln und quasi kalt zu stellen, ihnen die Verantwortung im Zweifel einfach aus der Hand zu nehmen und  stattdessen verstärkt am Kind anzusetzen. Auf diese Weise würde man die Verantwortung der Eltern nur als deren Bringschuld  interpretieren, nicht als ihr Recht. Denn schließlich leisten sie eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe, zu deren Bewältigung sie einen Anspruch  auf Unterstützung haben.

 

  • Diskreditiert und negiert wird jede  beziehungsbezogene  Arbeit der SozialpädagogInnen

Olk geht von einer Zweiteilung der Anlässe für Hilfe aus: Auf der einen Seite steht die Kindeswohlgefährdung. Hier hält er die Fremdplatzierung offenbar für die einzige angemessene Lösung.
Zum zweiten gibt es als Anlass noch die erforderliche  „Hilfe im Alltag“. Und da reichen laut Olk in der Regel die Beratung des ASD und die Integration in Stadtteilangebote und der Ausbau von Ressourcen im Stadtteil und der Familie aus. Diese verkürzte Sicht entspricht übrigens genau auch den Vorstellungen von Hinte und anderen Vertreterinnen der „Sozialraumorientierung“ .

Hier macht auch Olk es sich zu einfach:

  • Negiert werden zum einen die massiven Problematiken von Minderjährigen und ihren Familien, die nicht oder noch nicht zu einer Kindeswohlgefährdung führen, dennoch aber einer intensiven und intimen Bearbeitung bedürfen.
  • Negiert werden außerdem  Situation von  Kindeswohlgefährdung, die aber ambulant bearbeitet werden können oder sogar müssen.
  • Negiert werden notwendige Prozessbegleitungen z.B. bei einer Rückführung.
  • Negiert wird überhaupt die Notwendigkeit, intensiv und persönlich mit Klienten zu arbeiten und bei ihnen Entwicklungsprozesse und Veränderungsprozesse  anzuregen.

Was soll mit solchen Problemen in Zukunft passieren? Bemüht man  dann lieber auch hier um eine Fremdplatzierung oder hofft man, dass der Kostenträger Krankenkasse hier Psychotherapien bezahlt. Oder  spekuliert man in solchen Fällen mit einer Entlastung durch die Psychiatrie?

Es geht nicht um eine prinzipielle Ausweitung ambulanter, familienbezogener Hilfen zur Erziehung und auch nicht  um eine Erhaltung des Status Quo in der ambulanten Hilfe per se. Es geht darum, dass Soziale Arbeit und hier Kinder- und Jugendhilfe sehr wohl für psychosoziale Problemlagen ihrer Klientel zuständig ist. Wo sie vorliegen und eine Lebensbewältigung verhindern, müssen sie angemessen bearbeitet werden.

Oder glaubt jemand, unsere Klientel hätte solche Problemlagen nicht, würde Leid und Angst nicht kennen, hätte keine Konflikte und Beziehungsschieflagen in ihren Familien? Solche Vorstellungen passen ja wohl eher in die arrogante Sicht der Unterschichtschelte.

Eine Kinder- und Jugendhilfekonzeption, die dieses Thema wie einen blinden Fleck behandelt, vernachlässigt ihre Klientel systematisch. Da, wo Hilfen zur Erziehung im Sinne von familienorientierten und intensiven psychosozialen  aber natürlich auch ganzheitlichen und sozialraumorientierten Angeboten erforderlich sind, sind sie zu leisten und zwar so ausgestattet, dass sie diese Anforderung auch wirklich bewältigen können.
Und das gilt nicht nur für die ambulanten Hilfen selbst, das gilt genauso auch für den ASD. Wenn der Allgemeine Soziale Dienst sich – auch dann noch, wenn er wirklich ausgebaut sein würde weiterhin  auf Management und Steuerung, auf Ratschläge und Tipps beschränken würde und nicht bereit und in der Lage wäre, auf individuelle Problemlagen und Belastungen einzugehen, dann bedeutet die Ausweitung des ASD letztlich auch keine Verbesserung.

 

  • Problematisch ist auch, dass Olk an vielen Stellen Inhalte offen lässt, so dass man befürchten muss, dass sie auch beliebig gefüllt werden könnten.
    • Was Inhalt der Beratungssequenzen des ASD ist, bleibt ungesagt. Findet auch hier 10 Monate lang immer nur so etwas wie Fallmanagement statt?
      Oder arbeitet hier auch der ASD sozialpädagogisch und setzt z.B. auch sozialpädagogische Beratung, Beziehungsarbeit, Begleitung von Lernprozessen etc. als Arbeitsmethoden ein? An einer Stelle des Modellberichtes ist davon die Rede, dass die ASD MitarbeiterInnen auf diese Weise selbst schon Hilfe zur Erziehung leisten. Auch dagegen wäre nichts zu sagen. Voraussetzung allerdings wäre, auch die ASD-MitarbeiterInnen  arbeiten entsprechend subjektorientiert und z.B. auch ergebnisoffen.  Wobei diese Formulierung nicht dazu missbraucht werden darf, dass  damit die Notwendigkeit einer anderen, intensivere Form von Hilfe zu Erziehung geleugnet werden.
    • Für Olk allerdings sind die MitarbeiterInnen im Allgemeinen Sozialen Dienst immer und auch weiterhin Case ManagerInnen. Nun gibt es auch Ansätze eines subjektorientierten, am Klienten ausgerichteten Case Managements. Vielleicht ist das hier gemeint? Vielleicht auch nicht. Die Aussagen der politischen Vertreterinnen sprechen interessanter Weise nicht mehr von Case ManagerInnen, sondern schon von FallmanagerInnen, was dann doch klar macht, dass hier vom ASD aus der politischen Ecke weniger Sozialpädagogik erwartet wird als Steuerung.
    • Olk benutzt Begrifflichkeiten, die er nicht definiert und inhaltlich nicht untersetzt: Aber gerade hier stellt sich die entscheidende Frage:
      Was findet im ASD wirklich statt?
      Was bedeutet für ihn eine „verbesserte Lebenssituation“ der Klientel?
      Was wäre für ihn eigentliche  Erfolg sozialpädagogischer Arbeit?
    • Und schließlich: Was sind die tatsächlichen Inhalte der Fortbildung?
      Die Rede ist u.a. von der Entwicklung ‚handlungsstrukturierender Elemente‘ und ‚verbindlicher Arbeitsvorgaben‘. Das wären keine vorrangigen Ziele wirklicher Professionalität und beließe die ASD Arbeit erneut auf dem Niveau von ausführenden Organen der Verwaltung.

 

 

 

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Stellungnahme zum 14. Kinder- und Jugendbericht

Mechthild Seithe/ Unabhängiges Forum kritische Soziale Arbeit
Berlin 18.12.2013

 

Der 14. Kinder- und Jugendbericht befasst sich mit  sehr vielen Bereichen und Themen der Kinder- und Jugendhilfe. Hier soll  im Wesentlichen das einbezogen werden, was die Hilfe zur Erziehung im engeren und weiteren Sinn betrifft.

Liest man den aktuellen Kinder- und, so hat man zunächst den Eindruck, hier würde differenziert und anhand zahlreicher Recherchen, statistischer Daten und empirischer Belege zu vielen Aspekten Stellung genommen und zum Teil durchaus auch kritisch berichtet.

Bei genauerer Betrachtung aber fallen doch erhebliche Mängel auf, die wir hier kritisch beleuchten wollen.

Der Bericht übersieht oder negiert zentrale Schwachstellen der gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfe

Die im Bericht genannten Kritikpunkte an den gegenwärtigen Hilfen zur Erziehung verpassen zentrale Problempunkte.

  1. Im Bericht fehlt z.B. – mit Ausnahme in Bezug auf die Situation der ASD-MitarbeiterInnen – ein deutlicher Hinweis auf die  prekären Arbeitsverhältnisse der Sozialarbeitenden in vielen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere in den ambulanten Hilfen zur Erziehung. Zur Lage der MitarbeiterInnen in den Hilfen zur Erziehung werden nur die Themen ‚Teilzeit‘ sowie das Thema ‚Qualifikation‘ problematisiert, außerdem das Thema ‚Fachkräftemangel und  Personalwachstum‘. Die fatalen Auswirkungen der  Ökonomisierung auf die „Produktionsbedingungen“ und die fachlich unzureichenden Rahmenbedingungen der ambulanten Hilfe zur Erziehung werden bestenfalls kurz angedeutet (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 336). Die wirkliche Arbeitssituation der SozialpädagogInnen und die Rahmenbedingungen der Hilfen werden von den AutorInnen kaum in den Blick  genommen, und wenn doch, dann verschwinden entsprechende Aussagen gleich  wieder hinter dem großen eher verwirrenden aber insgesamt doch üppigen Bild der Kinder- und Jugendhilfe.
  2. Es handelt um einen  Bericht, der sich mit hohem analytischem Engagement auf der Erscheinungsebene tummelt, also weder die Hintergründe noch die  Folgen von Mängeln ins Visier nimmt. Zudem wird  versucht, die ausschlaggebenden Hintergründe für bestehende Problemlagen herunter zu spielen: Der Bericht drückt sich um jede systematische und grundlegende Kritik an politischen und ideologischen Vorgaben.
    Mitunter passiert es aber auch, dass die Kommission bestimmte Aspekte sehr wohl kritisch zu bewerten scheint. Aber auch dann erfolgt keine Stellungnahme oder offensive Wertung dieser Fakten und Entwicklungen. Zum Beispiel gibt der Bericht zwar Hinweise, dass der starke Ausbau der Sozialpädagogischen Familienhilfe zusammenhängen könnte mit dem Versuch, mehr zu kontrollieren (in HzE und ASD). Es werden also in aller Deutlichkeit massive Auftragsveränderungen in den Hilfen zur Erziehung festgestellt. Aber auch dazu erfolgt keine Stellungnahme, kein Kommentar.
  3. Der Bericht befasst sich in erster Linie mit Quantitäten, nicht mit Qualitäten. Er spricht von „empirisch identifizierbaren  Wachstumsraten, die sich an mehreren Indikatoren der Kinder- und Jugendhilfe ablesen lassen. So zeigt sich durchgängig ein Anstieg an Plätzen, Diensten, Personal und folgerichtig auch an Ausgaben“ (14. Jugendbericht der Bundesregierung  2013,  S. 251).
    Wenn er auch an einer Stelle die überraschende Anmerkung macht, dass: „es deutliche Hinweise darauf gibt, dass die Qualität – bei aller Quantität und vielleicht gerade im Zusammenhang damit – gewaltigen Einbußen unterliegt und damit den quantitativen Erfolg mehr als fragwürdig macht“ (14. Jugendbericht der Bundesregierung  2013, S. 41). Der Bericht stellt ansonsten durchgehend die quantitative Entwicklungen in den Vordergrund.

 

Der Bericht vermeidet jede Konfrontation mit der Politik und dem aktivierenden Staat

Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren es sich mit dem mächtigen Partner Politik nicht verderben wollen.

  1. Eine letztlich duldende, mitunter sogar verständnisvolle Haltung gegenüber neuen Kontrollaufgaben, dem dominierenden Effizienzprinzip, dem ausufernden Dokumentieren usw.  ist nicht zu übersehen, auch wenn an wenigen Stellen  vorsichtig kritische Anmerkungen dazu gemacht werden.
    Die Folgen dessen, was berichtet wird und vor allem auch dessen, was als kritisch zu bewerten wäre, bleiben unterbelichtet und Forderungen der Kommission, wenn überhaupt formuliert,  sind eher pauschale, vage, vorsichtige Empfehlungen.
    Mitunter kommen die AutorInnen durchaus selbst auf für sie inakzeptable gesellschaftspolitische Phänomene, aber sie bleiben auch hier in ihrer Stellungnahme zurückhaltend und bescheiden:
  2. So stellen Sie mehrfach fest, dass heute die Tendenz vorherrsche, Menschen und damit auch Kinder  und Jugendliche unter einem reinen gesellschaftlichen Nützlichkeitsaspekt zu sehen und sozusagen nur als Träger von Humankapital zu werten. Dass Kinder mehr sind als nur öffentliche Güter, ist für die VerfasserInnen des Berichtes klar und wichtig. Trotzdem erfolgt zu diesem Punkt keine Auseinandersetzung, kein Diskurs, keine Forderung. Die VerfasserInnen machen vielmehr nur vorsichtig darauf aufmerksam, dass man das nicht so einseitig sehen dürfe (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 39). Man begnügt sich also damit, die Politik darauf hinzuweisen, dass man neben der neoliberal geprägten Sicht auch noch eine andere, eher sozialpädagogische Wahrnehmung haben kann.
  3. Ein Anliegen, dass den AutorInnen selbst offenbar besonders am Herzen liegt, ist die Verringerung der in unserer Gesellschaft bestehenden Ungleichheit. Im Bericht werden immer wieder die ungleichen Lebensbedingungen und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen herausgearbeitet und es wird (selbst)kritisch auch die Frage gestellt, wie weit die KJH zur Verstärkung dieser Ungleichheiten beitragen mag (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 374, 418).
    So stellen die Sachverständigen fest: „Während der weitaus überwiegende Teil der Heranwachsenden auf eine einigermaßen sorgenfreie Zukunft blicken kann, mit Netz und doppeltem Boden über die Eltern abgesichert ist, kommt hierzulande immerhin fast jeder dritte junge Mensch aus einem Elternhaus, das entweder von Armut bedroht ist, in dem die Eltern keiner Erwerbstätigkeit nachgehen oder aber selbst keine ausreichenden Schulabschlüsse vorweisen können“ (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 45). Aber sie kommentieren: „Dem Sozialstaat ist es bislang nicht gelungen, herkunftsbedingte Benachteiligungen nachhaltig abzubauen. Im Gegenteil: Die Ausweitung öffentlicher Verantwortung für das Aufwachsen junger Menschen hat sogar unbeabsichtigt zur Entstehung weiterer Ungleichheiten beigetragen (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 50).“
    Mit Sozialstaat ist hier der so von ihnen bezeichnete „investive, aktivierende Sozialstaat“ gemeint, denn erst seit dessen Existenz ist diese Entwicklung so dramatisch geworden.
  4. Es wird nicht gesehen, dass die festgestellte und monierte  Ungleichheitszunahme parallel zu der Neoliberalisierung unserer Gesellschaft und der absoluten Herrschaft des gewinnorientierten Marktes geschehen ist. Und schon gar nicht wird der Schluss gezogen, dass der Abbau des früheren Sozialstaates, als Staat von Rechten und Ansprüchen der Bürger, diese Entwicklung verursacht hat.
    Es wird nicht gefragt, warum unser Staat diese Aufgabe nicht gelöst hat oder ob er sie vielleicht gar nicht lösen will. Der Bericht begibt sich eben nicht in eine Auseinandersetzung mit dem politischen System. An dieses System gerichtet gibt es bestenfalls vorsichtige Erinnerungen oder Bitten, keine Kritik, keine Aufforderungen, keine sozialpolitischen oder gesamtgesellschaftlichen  Forderungen.
  5. Mitunter erstaunt auch eine gewisse Gutgläubigkeit der AutorInnen der Politik gegenüber.Es wird z.B. aus den vorhandenen statistischen Ergebnissen richtig gefolgert, dass in den letzten Jahren die ambulanten Hilfen stärker gewachsen sind als die stationären Hilfen. Eine durchaus bekannte Tatsache ist es aber, dass die „Ambulantisierung“ in der Hilfe zur Erziehung zunehmend durch den Druck der zu leistenden Kostenreduktion unterstützt und herausgefordert wird und wurde und die Frage im konkreten Fall  nicht selten völlig im Hintergrund bleibt, ob es in einem konkreten Fall fachlich noch sinnvoll ist, ambulant zu arbeiten, oder aber, ob eine Fremdplatzierung eingeleitet werden müsste.
    Das Gleiche gilt für die im Bericht erwähnte Verbesserung der sozialräumlichen Angebote. Die Sozialraumkonzeption wird im Bericht fachlich durchaus  korrekt vorgetragen. Aber eben diese fachliche Korrektheit und Motivationslage wird dann auch den politischen Akteuren unterstellt. Der Missbrauch dieses Ansatzes für eine Diskreditierung und Zurückdrängung der Hilfen zur Erziehung, der seit Monaten in der konkreten Praxis in Hamburg und an anderen Orten dieser Republik deutlich erkennbar ist, wird offenbar überhaupt nicht  für möglich gehalten (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 258,).

 

Der Bericht unterschätzt die Rolle der Neuen Steuerung, der Ökonomisierung und der Manageralisierung  der Kinder- und Jugendhilfe und ist für ihre Folgen blind

 

  1. Die Ökonomisierung erscheint im Bericht als ein eher nicht so wichtiges Randmoment. Wo sie erwähnt wird, wird sie mitunter so dargestellt, als handele es sich um eine groteske Übertreibung, die nur bei einigen Einzelbeispielen eine Rolle spiele. Folgen des substantiellen Qualitätsverlustes und der damit einhergehenden Folgen für die AdressatInnen bleiben ungenannt. Es gibt ausschließlich Hinweise auf das dadurch veränderte Verhältnis zwischen öffentlicher und nicht-öffentlicher Jugendhilfe. Der Bericht kommt zudem zu der erstaunlichen und merkwürdig begründeten Aussage, man könne gar nicht von einer Verbetriebswirtschaftlichung der Kinder- und Jugendhilfe sprechen, da sich herausgestellt habe, dass zur Zeit  nur 1%- bis 5% der Leistungsanbieter gewinnorientierte Unternehmen seien.
  2.  Entwicklungen, die in die Richtung einer zunehmenden Ökonomisierung und Neoliberalisierung weisen, werden im 14. Kinder- und Jugendbericht durchgängig verharmlost, vermengt, verwässert und vor allem als gegeben hingestellt. Und es wird vermieden, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass es genau diese Faktoren sind, die das derzeitige Dilemma der Kinder- und Jugendhilfe bewirken: die qualitative Rückentwicklung der ambulanten Hilfen zur Erziehung bis hin zu möglicher Wirkungslosigkeit oder gar zu kontraproduktiven Folgen – und das bei gleichzeitig quantitativem Ausbau, der auf den ersten Blick natürlich den Eindruck erweckt, dass sich die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe an den steigenden Bedarfen orientiere.
  3. Dass für die AutorInnen des 14. Kinder- und Jugendberichtes all diesen so entscheidenden neoliberalen Veränderungsfaktoren eine eher nebengeordnete Rolle spielen, ist nur erklärbar mit der Tatsache, dass inzwischen diese Veränderungen  auch bei diesen Sachverständigen als unhinterfragbar und auch als unwiderruflich gelten und sie somit ihrer Meinung nach als die selbstverständliche, ethische und materielle Basis des Sozialen in unserer Gesellschaft hingenommen werden müssen. Obwohl die Umsteuerung eigentlich erst seit gut 20 Jahre eine große Rolle spielt, scheint es so, als hätte es nie etwas anderes gegeben als den investiven, selektiven und aktivierenden Staat.
  4. Die von ihnen beschriebene  „Gemengelage“ in der „öffentlichen Verantwortung“ wird also als  „historische Entwicklung“ (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 68), nicht aber als Folge einer politischen Entscheidung gesehen. Ein Verständnis dafür, dass diese, wie im Bericht bezeichnete „historische Entwicklung“ sich eben erst in den letzten 20 Jahren abgespielt hat und noch nicht beendet ist, dass sich hier politische Entscheidungen manifestieren, die auch anders aussehen könnten und die in einem demokratischen Staat nach wie vor zur Debatte stehen und stehen müssen, zeigt sich nicht.

 

Der Bericht sieht die  Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe in der  Fortsetzung und Erweiterung der Unterwerfung des Sozialen durch den Markt

 

  1. Deshalb bezieht sich unsere Hauptkritik am 14. Kinder- und Jugendbericht auf den ignoranten Umgang mit den Veränderungen, die durch die Neue Steuerung und die Verbetriebswirtschaftlichung innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe vollzogen wurden, sowie auf die marginalisierte und marginalisierende Wahrnehmung der Sachverständigen von deren der Folgen: die primäre Orientierung an der Effizienz, die Umwandlung von Hilfeangeboten in industrielle „Produkte“ einer potentiell gewinnorientierten Dienstleistungsindustrie usw., also alles das, was Folge der Neuen Steuerung ist. Die neoliberale Ideologie des aktivierenden Staates  hat  auch die Kinder- und Jugendhilfe durch eine Einordnung in den Markt und durch die Oktroyierung eines neuen, ökonomisierten Menschenbildes längst ihren ideologischen und politischen Vorstellungen unterworfen.
  2. Die gesellschaftlichen Veränderungen in Bezug auf die Kinder- und Jugendhilfe, die sich seit etwa 20 Jahren ausbreiten, werden von den VerfasserInnen rein phänomenologisch als „Wechsel vom fürsorglichen und (Hilfen selbst-) produzierenden Sozialstaat zum „investierenden und aktivierenden Sozialstaat“ gesehen.
    Die Sachverständigen des 14. Kinder- und Jugendberichtes sprechen statt von einer Vermarktlichung von einer neuen „öffentlichen Verantwortung“ im „selektiven Sozialstaat“, in der der Markt,  der Staat, die Zivilgesellschaft und  der intermediäre Bereich gemeinsam und in einer komplizierten Gemengelage zusammen wirken (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 67).
    Im Begriff des „investierenden Sozialstaates“ versteckt sich die allgemeine Dominanz des Marktes in allen Bereichen der Gesellschaft, natürlich auch in der Sozialen Arbeit. Um die Folgen dieser Vermischung des Marktes mit den anderen „Wohlfahrtsproduzenten“ macht man sich keine ernsthaften Gedanken.
  3. In der Beschreibung des Berichtes dieser „Gemengelage“ erscheint der Markt zunächst ausschließlich als Institution, die Angebote produziert und nicht als gesamtgesellschaftliche Orientierung und Steuerung, so als wären die Merkmale Wettbewerb und Gewinnorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe nur bei den „gewinnorientierten Trägern“ Thema.
    Auch der Staat  bzw. sein ausführendes Organ, die öffentliche Jugendhilfe, wird in dieser Gegenüberstellung (ebenda) nur in der Rolle der Angebotsproduktion gesehen, nicht in seiner Funktion als Inhaberin der Gesamt- und Planungsverantwortung einschließlich der Gewährleistungsverpflichtung gemäß §§ 79, 80 SGB VIII sowie der Leistungsverpflichtung im Einzelfall gemäß § 3 Absatz 2 Satz 2 SGB VIII. Was deshalb  an dieser Stelle des Berichtes unbeleuchtet bleibt, ist die Tatsache, dass der öffentliche Träger neben seiner möglichen Produktionsaufgabe vor allem die Aufgaben der Kontrolle und der Steuerung der Kinder- und Jugendhilfe hat und dass die praktische Ausübung dieser Funktionen im Vergleich zu dem, was in § 2 des SGB VIII steht, deutlich an Härte und Durchschlagskraft zugenommen hat und sich vor allem selbst ganz eindeutig und gezielt marktwirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Methoden der Kontrolle bedient.
  4. Allerdings nennen die AutorInnen dann auch eine ganze Reihe konkreter Beispiele für solche Vermengungen und Gemengelagen innerhalb der „öffentlichen Verantwortung“. Und hier wird deutlich, was tatsächlich passiert:
    Beschrieben und belegt wird in zahlreichen Beispielen für eine „Vermengung“ der vier genannten Wohlfahrtsproduzenten, dass sich der Staat marktwirtschaftlicher Methoden und Handlungsstrategien bedient. Beschrieben wird, dass freie Träger gezwungen werden, im Rahmen der finanziellen und steuerungspolitischen Macht des öffentlichen Trägers zum einen die staatlichen Reglementierungen zu schlucken und gleichzeitig die auf diese Weise vorgegebenen Marktbedingungen bedienen zu müssen. Nur eins von acht Beispielen verweist auf eine andere „Vermengungsart“ hin, nämlich die “zwischen dem formell hoch organisierten und dem informellen Bereich, zwischen den formal geregelten Strukturen der Erwerbsarbeit und den informellen Strukturen des freiwilligen Engagements“ (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 69). Alle anderen Beispiele beziehen sich auf den Markt und den Staat und indirekt auf die freien Träger.
    Tatsächlich vermengen sich hier die staatlichen Funktionen von Steuerung und Kontrolle mit den Gesetzen des Marktes. Der Markt liefert die Methoden an den Staat und der Staat öffnet dem Markt den Zugang zu den gesellschaftlichen Bereichen, die von ihm früher (im wie die Autoren sagen „versorgenden und produzierenden Sozialstaat) als Nonprofitorganisationen mit anderer Logik vorgehalten wurden.
  5. Wenn also hier von ‚Vermengungen‘ und ’Verschränkungen‘ von vier Wohlfahrtsproduzenten die Rede ist, dann wird im Wesentlichen eigentlich über das Eindringen des Marktes in alle anderen Bereiche gesprochen. Was hier als  ‚Vermengung‘ und ‚Verschränkung‘ bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit genau der von uns beschriebene Prozess der Vermarktlichung, der alle Bereiche und Ebenen der Kinder- und Jugendhilfe erfasst, sowohl die öffentliche Jugendhilfe als auch  die  öffentlich geförderten Angebote (so knapp gefördert wie möglich) der freien oder gewerblichen Träger.
  6. Die Frage, ob diese vier Akteure im Feld der öffentlichen Verantwortung in ihrer Durchsetzungskraft und Bedeutung und vor allem in ihrer Macht als gleichgewichtig zu sehen sind, wird nicht diskutiert. Die Begriffe Gemengelage, Vermischung etc. unterstellen einen eher zufälligen und ohne dominierende Strukturen gekennzeichneten Prozess. Es wird allerdings der Eindruck erweckt, als seien alle Vermengungen gleich gewichtig,  aber auch gleich möglich und einfach nur natürliche Entwicklungsfolgen des Prozesses. Interessant ist in diesem Kontext dann aber die Wortwahl der Autoren bei der Beschreibung dieser „Vermischungslagen“. Hier ist von „Umformung“, „Unterwerfung“ und „Zwang“ die Rede. Was ist das für eine merkwürdige Gemengelage, in der die Vermischung durch Herrschaftsverhalten zustande zu kommen scheint?
  7. Bei der Prognose der Zukunft der Trägerlandschaft der Kinder- und Jugendhilfe setzt der 14. Kinder- und Jugendbericht – mit leichtem Bedauern zwar, aber offensichtlich „alternativlos“ – auf eine Verstärkung des Marktes (14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 392).
    Die AutorInnen sind der Auffassung, dass die zukünftigen Probleme und Anforderungen eine Veränderung der Trägerlandschaft erfordern und dass es künftig weitere Verbünde und Zusammenschlüsse geben werde.
    Der Bericht begründet diese voraussichtlich notwendige Entwicklung wie folgt:
    Diese Zusammenschlüsse müssten so geschaffen sein, dass es mit ihnen besser gelingen könne, „ sich zukunftsfest aufzustellen, Synergieeffekte zu generieren, Qualitätsentwicklung zu betreiben und auch gegenüber den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe als  Gewährleistungsverpflichtete wie als Kostenträger „wirkungsvoller“ aufzutreten“. Das sei notwendig, denn „neue Anforderungen an die Kinder- und Jugendhilfe ergeben sich auch bezogen auf die Frage, wie eine Angebotsstruktur erreicht und gesichert werden kann, die den vielfältigen Lebenslagen von jungen Menschen und Familien entspricht und die im Bedarfsfalle bereitsteht“ (ebenda). Dies, so die Autoren, fordere öffentliche wie auch freie Träger bezüglich ihrer Finanzierungsstrukturen besonders heraus. Hinsichtlich einer optimalen bedarfsorientierten Angebotsstruktur würden aber die freien Träger von Einrichtungen zunehmend vor manchmal kaum zu lösende Probleme hinsichtlich der Finanzierung gestellt. Diese resultierten daraus, dass die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe oftmals auch vorgehalten werden müssten, um im richtigen Moment in Anspruch genommen werden zu  können. Dies gälte für Plätze in Einrichtungen, z. T. aber auch für ambulante Leistungen. Hier müssten die Träger die Gesamtfinanzierung sichern, obwohl dies allein von ihnen – vor allem von kleinen Trägern – auch angesichts der mitunter „marktorientierten“ Förderung nicht immer leistbar sei (vgl. 14. Jugendbericht der Bundesregierung 2013, S. 392). Was kann das anderes bedeuten als die Aussage: ‚Auf Grund der bereits bestehenden Marktorientierung benötigen wir noch und immer  mehr davon, weil die freien Träger da nicht mitziehen können‘?

 

FAZIT

Der Hauptfehler und die unkritische Grundtendenz des 14. Jugendberichtes liegen u. E. darin, dass hier – einvernehmlich und ohne auch nur die geringste grundsätzliche Kritik –  die neoliberale Umsteuerung mit all ihren Erscheinungsformen und ihren dramatischen, deprofessionalisierenden und Menschen zu Waren degradierenden Folgen als selbstverständlich unverzichtbar und unvermeidbar hingenommen werden.

 

 

Herunterladen der Stellungnahme:
Kritik des 14. Kinder- und Jugendberichtes. Zukunfstwerkstatt Soziale Arbeit.  M. Seithe 2013

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Es lässt sich doch sowieso nichts ändern?

Viele SozialarbeiterInnen nehmen die gegenwärtige Realität als normal und
unveränderlich und als eben üblich wahr und halten es nicht für ihre Aufgabe,
diese zu hinterfragen oder zu bekämpfen. Sie beruhigen sich mit den Sprüchen,
mit denen Politik uns abspeist und abzulenken versucht. Dabei sollte man all diese Sprüche kritisch
hinterfragen:

 „Es ist doch kein Geld da“

Aber wo ist denn dann das viele Geld in unserer Gesellschaft? Ist der Sozialbereich nur nicht wichtig genug,
nicht so wichtig wie z.B. der neue Flughafen, wie die großen teuren
Prestigeprojekte und wie die Gewinne der Superreichen?  Das ist eine politische Frage.

„Es werden halt eben immer mehr Fälle, da wird es eben eng. Das Geld reicht dann nicht für so viele“.

Warum werden es mehr? Ein Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung macht doch deutlich, dass diese Gesellschaft immer mehr Problemlagen erzeugt und immer Menschen in diese Problemlagen geraten.
Und wer sagt denn, dass unsere Gesellschaft z.B. für Familien mit Problemlagen für gescheiterte Minderjährige nur das ausgeben kann, was sie bisher ausgegeben hat? Was sind ihr die Menschen, besonders die, die sie selber ausgrenzt, eigentlich noch wert?

„Gegen die Armut der Leute kann ich doch als Sozialarbeiterin ohne hin nichts machen“.

Soziale Arbeit ist sogar per Gesetz (KJHG §1) dazu aufgerufen, sich in die Lebenslagen der ihr anvertrauten
Minderjährigen politische einzumischen. Und wenn ich meinen KlientInnen
vermittle, dass ihre Armut nicht ihre eigene Schuld ist, so ist das auch schon
Politik – freilich nicht sehr erwünscht. Und wenn ich mittags in der Kantine
ein Gespräch darüber vom Zaune breche, warum eigentlich die Armut zunimmt, dann ist das Politik – freilich auch nicht erwünscht. Und wenn ich in meiner Organisation Flugblätter schreibe gegen die Selbstverständlichkeit, mit der die Zunahme von Armut  in unserer Gesellschaft  hingenommen wird, dann ist auch das natürlich Politik. Soziale Arbeit kann Armut nicht abschaffen, aber dazu beitragen, dass
sie als Unrecht erkannt wird.

„Wir sind doch an die Gesetze gebunden und müssen dafür sorgen, dass sie erfüllt werden“.

Sind wir bei der Polizei? Gesetze sind von Menschen gemacht und können von Menschen geändert werden. Es gibt
Gesetze, die heute mit Füßen getreten werden wie das KJHG. Das Gesetz Hartz IV
aber z.B. ist menschenfeindlich und es wäre unsere Aufgabe, mit dafür zu
sorgen, dass die Öffentlichkeit das kapiert und die Politik unter Druck setzt,
dieses Gesetz zu ändern.

„Wir tun doch unser Bestes. Die Rahmenbedingungen werden halt von oben gesteckt, da haben wir doch keinen Einfluss drauf“.

Eben. Aber  wir vertreten eine Profession, die aus wissenschaftlichen und ethischen Gründen andere Rahmenbedingungen braucht,  um ihre Arbeit wirklich gut, d.h. nachhaltig, im Interesse der Betroffenen machen zu können. Dass Politik heute einfach nach ihren Maßstäben und Interessen unzureichende Bedingungen vorgibt, ist ein verschärfter Eingriff in unsere Autonomie.

„Also wir haben gar keine Zeit, uns auch noch mit so was zu befassen.“

Man hat schon immer Kritik und Widerstand dadurch zu verhindern versucht, dass man die Menschen so mit Arbeit und Stress eingedeckt hat, dass sie sich meinten, sich nicht auch noch wehren zu können.
Wenn aber Politik zum persönlichen Anliegen wird, dann wird man nicht mehr darüber klagen, dass man keine Zeit dafür hat. Man wird begreifen, dass sich
diese eingesetzte Zeit doppelt und dreifach lohnt: Politische Arbeit macht einem den gekrümmten Rücken wieder erade, es  macht Spaß mit anderen
Leuten politisch zu agieren und außerdem: Es gibt auch kurz- mittel- und vor allem langfristige Erfolge dabei.

Soziale Arbeit ist immer politisch – so oder so.

Wenn man es genau besieht, so bleibt uns eigentlich gar
nichts anderes übrig, als politisch zu werden und zu handeln. Wenn wir nicht
anfangen, zu begreifen, dass diese von uns angestrebte „gute Soziale
Arbeit“ heute weder gewollt noch unterstützt wird, und dass das schlicht und
ergreifend die Folgen politischer Entscheidungen und politischer Konzepte sind,
die den humanistischen Zielen unserer Profession mehr oder weniger diametral
entgegenstehen, dann wird sich nichts mehr ändern und unsere Profession wird
sich Schritt für Schritt in eine Dienstleistung  für die Zwecke des aktivierenden Staates
verwandeln. Hier wird es nur noch um die Pflege des Humankapitals gehen und
darum, dass Menschen lernen, für ihr Schicksal ganz alleine gerade zu stehen
und es wird nur noch das geleistet, was sich rechnet und das auch nur so, wie
es sich rechnet.

Wir sind letztlich gezwungen „politisch“ zu werden, auch
wenn Politik eigentlich nicht unser Ding und unser Interesse ist, wir sind
gezwungen es zu werden, auch wenn wir nichts anderes wollen, als eine gute
Arbeit in unserem Beruf zu leisten, eine „gute“ Arbeit, die denjenigen wirklich
bei der Lebensbewältigung hilft, die in unserer Gesellschaft am Rande stehen, besser:
an den Rand gedrückt werden. Sozialarbeitende müssen sich überlegen, was sie
sein wollen und für wen sie arbeiten möchten. Und wenn sie eines Tages spüren
und nicht mehr darüber hinwegsehen können, dass sie gegen die Interessen von
Menschen arbeiten müssen, dann spätestens ist es soweit: Sie müssen sich entscheiden.

So gesehen ist Soziale Arbeit immer politisch. Wenn eine/r sagt:
„Da mache ich nicht mehr mit. Ich suche mir Wege, mich mit anderen zusammen
gegen die Neoliberalisierung unserer Profession zu stellen“, genau dann fängt
sie oder er an,  bewusst politisch zu
handeln.

Wenn man aber sagt: „Ich bin eigentlich kein politischer
Mensch. Darum kann ich mich nicht auch noch kümmern. Ich mache meine Arbeit
halt immer so gut es geht“ – dann ist man faktisch genauso politisch – nur
unterstützt man durch das Wegschauen eine politische Richtung und eine
politische Ausrichtung der eigenen Arbeit, die man möglicherweise eigentlich gar
nicht unterstützen will. Und das heißt: Wer schweigt, wer die Schultern zuckt,
wer wegsieht, wer sich einfach anpasst, wer tut, was von oben gesagt wird, wer
dem Klienten verkauft, was er verkaufen soll …. Der handelt eben auch
politisch.

 

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Warum sind so viele der Sozialarbeitenden so schweigsam geworden?

SozialarbeiterInnen sind doch keine PolitikerInnen?

„Ach, weißt du, ich bin gar kein politischer Mensch. Ich möchte einfach nur eine gute Arbeit machen und die unterstützen, die es brauchen“, so sagte vor einiger Zeit eine Kollegin zu mir. Sozialarbeitende sind doch keine PolitikerInnen, so denken viele: ‚Wer die Welt verändern will, der sollte nicht die Soziale Arbeit für sein Medium halten. Da würde es doch wirklich um Einmischung und politische Stellungnahmen in der Öffentlichkeit, in den Medien, in der offiziellen und der außerparlamentarischen Politik gehen. Sozialarbeitende helfen konkreten Menschen bei konkreten Problemen. Da bleiben doch für Politik kein Raum und keine Zeit!‘

Diese Haltung ist genau das, was man von uns will. „Macht ihr mal eure Aufgaben, wir kümmern uns um die Rahmenbedingungen und da haben wir eben unsre Maßstäbe“. Faktisch regelt und reglementiert die herrschende Politik unser Tun durch Vorschriften wie Begrenzung auf Case Management und 5 Sitzungen, oder die Verpflichtung zur ausführlichen Dokumentation und Nutzung der vorgegebenen Software. Sie steuert  unsere Handlungsspielräume durch Kürzungen, Zeitbegrenzungen, Festlegung der Dauer von Maßnahmen (entgegen wissenschaftlicher Empfehlungen). Sie legt die  Zielrichtungen fest: Es geht immer darum, das KlientInnen zukünftig besser funktionieren sollen und ihr eigenes Humankapital verantwortlicher im Interesse des Systems zu pflegen haben. Sie definiert, was unser Erfolg zu sein hat. Sie definiert das anhand von formalen Kriterien und betriebswirtschaftlichen Erfolgsdefinitionen. Man muss den Erfolg zählen und sehen können und er muss sich rechnen.

Wir sind Sozial Arbeitende. Wir wollen helfen, das ist unser Beruf, o.k. deshalb sind wir auch so lange still gewesen haben immer versucht, das Bester aus der Situation für unsere Klienten zu machen. Helfer kämpfen für ihre Klienten, reden nicht groß darüber.
Wenn wir die Lage aber mal wirklich kritisch betrachten, dann  müssen wir hier und heute feststellen:
Aber es ist jetzt an der Zeit, dass wir nicht länger den Mund halten und schweigen. Es ist vielmehr unsere Pflicht und unsere Verantwortung, nach draußen, an die Öffentlichkeit zu treten und klar zu sagen, was los ist bei uns. Denn wir haben schon lange nicht mehr die Bedingungen in unserer Arbeit, die wir brauchen, um auch gut und nachhaltig helfen und unterstützen zu können. Und wir haben schon lange große Sorge, dass es in unserer Arbeit und überhaupt in dieser Gesellschaft nicht mehr um die Chancen und das Glück von Menschen geht, sondern nur noch darum, dass diese Menschen sich mit all ihrer Kraft für das Funktionieren und das Florieren der Wirtschaft geht und um deren Gewinne, die dann aber nur bei wenigen ankommen.

Aber warum schweigen die KollegInnen?

Erstaunlich ist die Widerstandslosigkeit, mit der diese Veränderungsprozesse abgelaufen sind und weiter ablaufen. Woher kommt diese Ohnmacht?  Hier dürften verschiedene Faktoren eine Rolle spielen.

1.      Zum einen ist in Deutschland, selbst im Westen des Landes, Soziale Arbeit eine Profession mit gering ausgeprägtem Selbstbewusstsein und wenig professioneller Identität (vgl. z.B. Seithe 2010, Heite 2008, Nadai et al. 2005).
Das hat zu tun mit der Tradition Sozialer Arbeit als helfendem Beruf, der es schon immer schwer hatte, seine Aufgaben und Kompetenzen von dem abzusetzen, was jeder gutwillige Bürger meint, im Sinne von Nächstenliebe oder Altruismus selber leisten zu können (vgl. Seithe 2010 ). Soziale Arbeit war und ist zudem ein Frauenberuf und wird in der Gesellschaft nach wie vor entsprechend gewertet (vgl. Nadai  et al. 2005).
Hinzu kommt die Tatsache, dass die gesellschaftliche Akzeptanz eines Berufes korreliert mit den Bevölkerungsgruppen, um die er sich kümmert bzw. die seine Leistungen nutzen. Soziale Arbeit hat so wenig eine wirkliche Lobby in unserer Gesellschaft wie unsere Klientel.
Kein Wunder also, dass das Angebot des „aktivierenden Staates“ an diese Profession, eine neue, wichtige Rolle im großen neoliberalen „Erziehungsprojekt“ der Menschen zu spielen, bei unserer nach Anerkennung und gesellschaftlicher Bedeutung lechzenden Profession von vielen PraktikerInnen (aber auch von vielen WissenschaftlerInnen) mit Freude aufgegriffen wurde und weiter aufgegriffen wird (vgl. Heite 2008). Der Preis dafür ist allerdings ist hoch: Hiermit wird  jede gesellschaftskritische Position der Sozialen Arbeit aufgegeben und Soziale Arbeit nur noch auf „Verhaltenstraining“ und Verwaltung reduziert (vgl. z.B. Seithe 2010).

2.      Zum Zweiten erlebt zwar ein  großer Teil der PraktikerInnen die derzeitige Situation als verstärkte Belastung (vgl. z.B. Eichinger 2010, Seithe 2010, Messmer 2007). Viele sehen sich dabei aber einer Zwangslage gegenüber,  die für den „normalen Sozialarbeitenden“ nicht auflösbar ist. Für PraktikerInnen, die mitten in diesen Veränderungsprozessen stehen und mit den alltäglichen Zumutungen und Herausforderungen der Ökonomisierung und der neosozialen Politik konfrontiert sind, ist es tatsächlich nicht so einfach, sich diesen Entwicklungen entgegen zu stellen. Sie sind nämlich – im Unterschied z.B. zu WissenschaftlerInnen – nicht nur von den fachlichen Widersprüchen, sondern dazu auch noch von existenziellen Problemen betroffen: Sie müssen ständig um ihren Arbeitsplatz fürchten, ja sogar um das Fortbestehen ihres Trägers bangen und für diesen dann mit Verantwortung tragen: Denn Träger, die als wirtschaftliche Unternehmen geführt werden, stehen unter permanentem Druck, sich zu behaupten, um wirtschaftlich  überleben zu können. Insofern ist es heute für PraktikerInnen doppelt und dreifach schwer, sich zu wehren und gegen die Deprofessionalisierung und Vereinnahmung unserer Profession Widerstand zu leisten (vgl. Eichinger 2010). Unter solchen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass die Betroffenen alle möglichen Formen und Wege der Bewältigung dieser Belastungen und Diskrepanzen wählen: von der bloßen ängstlichen oder pragmatischen Anpassung zur Verleugnung der eigenen Wahrnehmung, über Versuche des passiven Widerstandes durch subversive Tricks, die die neuen Bedingungen unterlaufen und aushebeln sollen, bis hin zu Reaktionen wie Burnout oder dem radikalen,  ethischen Umschwung zu einem Berufsverständnis, das die Klientel für Nichterfolge Sozialer Arbeit schuldig spricht und sich von jeder Parteilichkeit für sozial Benachteiligte kalt verabschiedet.

3.      Ein dritter Erklärungsversuch findet Ursachen für diese widerstandlose Übernahme der Profession in deren eigenen theoretischen Grundlagen, also in der Disziplin Soziale Arbeit selber. Füssenhäuser (2009) stellt die Frage, ob die lebensweltorientierte Soziale Arbeit nicht selber mit ihren eigenen konzeptionellen Vorstellungen dazu beiträgt bzw. beigetragen hat, die Dethematisierung sozialer Probleme und den Abbau sozialstaatlicher Leistungen und Notwendigkeiten zu legitimieren. Somit würde die lebensweltorientierte Soziale Arbeit möglicherweise sich selber in die Fallen hineinführen, in die die Aktivierungspolitik sie locken will. Notwendig wäre aus diesem Grund aus Sicht der kritischen Sozialen Arbeit eine konsequente Infragestellung und Entlarvung der Umcodierung von in der Sozialen Arbeit „bislang als gültig erachteter Denk-, Handlungs- und Problematisierungslogiken des sozialstaatlichen Arrangements“ (Ziegler 2008, S. 168) durch den „aktivierenden Staat“, der die lebensweltlichen Ansätze als Module einer modernen Sozialtechnik nutzt –  jenseits und abgelöst von ihrer kritischen Intention.
Betrachtet man diese drei Ursachenhintergründe, die  für die gegenwärtige Ohnmacht der Sozialen Arbeit gegenüber den neoliberalen Zumutungen eine Rolle spielen könnten, so ergeben sich strategische Ansätze,  die eine engagierte und kritische Soziale Arbeit auf dem Weg in einen organisierten und bewussten Widerstand verfolgen müsste:

1.      Alles, was zu mehr Selbstbewusstsein der professionellen Sozialarbeitenden beiträgt, was die eigenen fachlichen und ethischen Positionen stärkt, kann dazu beitragen, dass PraktikerInnen mehr Mut und mehr Durchsetzungskraft in der alltäglichen Auseinandersetzung gewinnen. Hier sind vor allem Hochschulen (vgl. z.B. Seithe 2010,  Kessl/Reutlinger/Ziegler 2006, S. 117 f),  Gewerkschaften, der Berufsverband und Fortbildungsträger gefordert.

2.      Um dem täglichen Stress, der Angst um die eigene Existenz und um der paralysierende Identifikation mit dem Arbeitgeber zu entgehen, ist das Zusammenschließen mit KollegInnen die beste Bewältigungsstrategie. Gemeinsamer Erfahrungsaustausch, die Entwicklung gemeinsamer Strategien der Gegenwehr, die gemeinsame Verbesserung von Berufsidentität und Selbstwertgefühl als praktizierende SozialarbeiterIn gelingen übrigens am besten außerhalb des eigenen Betriebes in informellen oder auch formellen Gruppen und /oder Organisationen (vgl. Eichinger 2010).
Auch hier kommt zum Beispiel den vorhandenen berufsständigen, kritischen Organisationen eine große Bedeutung zu. Sie sollten sich  für potentielle Mitglieder nicht  allein und in erster Linie als Dienstleister anbieten, sondern sich als Selbsthilfegruppen profilieren, also als Organisationen, in denen Sozialarbeitende aktiv und im eigenen Interesse mitarbeiten und mitgestalten können und dabei von der Organisation Unterstützung, Schutz und  Ressourcen für ihr Engagement erhalten.

3.      Der im dritten Punkt dargestellte mögliche Hintergrund für die scheinbar widerstandslose Vereinnahmung unserer Profession legt vor allem die Notwendigkeit einer theoretischen Neu- bzw. Wieder-Orientierung der Disziplin und Profession Soziale Arbeit nahe. Soziale Arbeit muss sich schnellstens daran machen, ihre Position zu den eigenen sozialpolitischen Wurzeln und Aufgaben neu zu durchdenken und sich gegenüber dem herrschenden gesellschaftlichen System neu positionieren.
Es ist war ihr nie gegeben, selber und alleine die Gesellschaft zu verändern, aber Soziale Arbeit ist bzw.  könnte sein, was schon Mollenhauer von ihr sagte: die „geborene Kritikerin des Kapitalismus“ (Mollenhauer 1991). Auf dieser theoretischen Basis erhält ein wissenschaftlicher aber ebenso ein praktischer, kritischer Umgang mit den neoliberalen Herausforderungen  eine tragfähige und grundlegende Unterstützung und Orientierung.

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Öffentlichkeitsarbeit der kritischen Sozialen Arbeit – Fortsetzung

Grundprinzipien einer  Öffentlichkeitsarbeit, die zur  Veränderung des Bildes der Sozialen Arbeit führen soll


Vorbemerkung:
Das Bild der Öffentlichkeit, der anderen sozialen Fachkräfte und auch der Medien kann sich nur ändern, wenn die Profession und ihre Mitglieder anfangen, geschlossen, selbstbewusst, hochkompetent zu agieren und dieses nach außen zu tragen.

Die Veränderungen nach innen  (Schaffung von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Professionellen) sind in gewissem Sinne Voraussetzungen für die Veränderung nach außen. Dennoch bleibt nichts anderes übrig, als beide Ziele zeitgleich zu verfolgen.
Andererseits sind manche Entwicklungen nach innen auch eine Art Reflex von Erfolgen und Veränderungen der Bedeutung nach außen.

1. Öffentlichkeitsarbeit muss ernst genommen werden

Öffentlichkeitsarbeit kann man nicht so nebenbei machen.

  • Es bedarf eines gewissen Zeit- und Kraftaufwandes, vor allem braucht man auch Ausdauer und Geduld.
  • Es ist sinnvoll, wenn sich Leute für die Öffentlichkeitsarbeit ihres Verbandes, ihrer Gruppe, ihrer Initiative spezialisieren. Auf diese Weise können sie besser Erfahren sammeln, Kontakte z.B. zur Presse aufbauen  und die Verteiler für ihre Öffentlichkeitsarbeit aufbauen, pflegen und ständig erweitern.
  • Wenn es um das Schreiben von Texten, um das Filmemachen geht und auch, wenn es darum geht, öffentlich aufzutreten, brauchen die Spezies für Öffentlichkeit ernsthafte Schulung und Fortbildung. Ebenso brauchen sie unbedingt die Unterstützung und Rückmeldung von ihrer Gruppe

 

2. Unsere Öffentlichkeitsarbeit muss wirklich unsere sein. Wir sollten Öffentlichkeitsarbeit im eigenen Interesse betreiben:


Wir müssen wegkommen von  einem Verständnis, dass es bei Öffentlichkeitsarbeit darum geht, einem imaginären Kunden das eigene Produkt zu verkaufen und es deshalb so darzustellen wie auf Werbeplakaten. Weg von der Schönfärberei der Berichterstattung – an Träger und Geldgeber aber auch an Öffentlichkeit. Nur dann wird man ernst genommen, wenn man die Souveränität hat, realistisch zu sein.

Öffentlichkeitsarbeit im eigenen professionellen Interesse heißt, 

  • Erfolge, Kenntnisse über Soziale Arbeit und auch die Problemlagen der Sozialen Arbeit ohne Verbrämung, ohne unangemessene Fallskandalisierung oder Falldramatisierung, aber auch ohne Verharmlosung und Verbrämung  nach außen zur Verfügung stellen,
  •  informieren über die Profession und über ihre Gefährdungen,
  •  regelmäßig Informieren, d.h., nicht nur punktuell und aus Anlässen heraus.

Beispiele:

  •  Kolummne in der Tageszeitung: „Neues aus der Sozialen Arbeit…“;
  •   Buch: „Tagebuch : Soziale Arbeit“  anonymisierte Schilderung von Fällen, von Erfolgen, von Schieflagen, von Behinderungen durch Sparauflagen, durch Strukturvorgaben)
  • „Schwarzberichte“ (statt oder parallel zu den offiziellen)
  •    Zeitschriftenbericht: Alltag einer Sozialarbeiterin

 

3. Negative Konnotation der Sozialen Arbeit bekämpfen durch positiv bewertete Begriffe

Wenn man das in der 1. Folge dieser Gedankenserie beschriebene Außenbild unserer Profession ansieht,  so sind die gegenwärtig wirkenden Konnotationen: !

„wirkungslos, zu teuer, kann jeder, brauche ich nicht….“

  • Beispiel für eine neue Konnotation, die der gegenwärtigen entwertenden Bedeutung entgegensteuert, wäre z.B. der Slogan:  „Soziale Arbeit: Qualität für uns alle.“
    Wenn man mit solchen Sätzen arbeitet, die eine neue, veränderte, positive und auch zur alten Bedeutung konträre Assoziation wecken, und dies konsequent und selbstbewusst tut, kann sich eine Bedeutung verändern und sogar umkehren (Beispiel: „Black is beautiful“).
    Wo könnte der Spruch „Soziale Arbeit: Qualität für uns alle“ stehen, wie könnten wir ihn  in Umlauf bringen? auf Plakaten? als Buchtitel?
  • Beispiel:  Sozial Award – Preis für den unsozialsten Träger, die Stadt mit der größten ……


4. Inhalte konkret, verständlich, anschaulich vermitteln

Es geht in unserer Öffentlichkeitsarbeit nicht darum, uns als Fachdisziplin darzustellen, die so akademisch und wissenschaftlich ist, dass sie keiner versteht.

  •  Das heißt allerdings nicht, grundsätzlich keine Fachbegriffe zu verwenden und sich ausschließlich alltagssprachlich auszudrücken. Aber wenn wir sie benutzen, dass müssen wir sie erklären und erläutern, damit nachvollziehbar ist, was wir meinen.
  •  Eine freie Journalistin meinte vor kurzem auf die Frage, was wir schreiben sollen, damit man uns wahrnimmt und unsere Probleme auch erkennen kann: „Schreibt, was ihr im Alltag erlebt, was ihr tut, was ihr tuen möchtet, es aber nicht geht, weil ihr die Bedingungen nicht habt. Schreibt, was euch belastet, was euch Befriedigung und Freude in eurem Beruf vermittelt, was euch traurig macht oder aber verzweifelt, weil ihr nicht so arbeiten könnt, wie ihr esfür eure KlientInnen wünschen würdet. Schreibt endlich auf, was ihr bisher für euch behaltet, was ihr schluckt, wozu ihr schweigt.“
  • Wir müssen also das Bild selber prägen und inhaltlich bestimmen, das die Öffentlichkeit von uns hat.   Der Aufruf gilt: Macht für die Öffentlichkeit eure „Überlastungsanzeige“, die ihr nicht wegschicken könnt aus Angst vor Folgen und Einträgen in der Personalakte, schreibt für die Menschen draußen die ungeschönten Berichte, die ihr euch nicht traut, eurem Träger oder dem Amt abzugeben, beschreibt die Erfolge, auf die ihr eigentlich stolz seid, die aber keiner wissen will, weil es nicht die Erfolge sind, die erwartet werden….
  •  Bei alledem muss man sich natürlich durch Anonymisierung der Fälle, der Einrichtungen, der Städte etc. vor dem Vorwurf des Geheimnisverrates oder gar der Missachtung des Datenschutzes und dem informellen Selbstbestimmungsrecht der Klientel schützen.
    Hilfreich kann hierfür auch eine Organisation sein, die für solche Texte die Verantwortung übernimmt, die SchreiberInnen so als Einzelpersonen schützt und ggf. auch rechtlich unterstützt.  

 

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Teil 2 Öffentlichkeitsarbeit der kritischen Sozialen Arbeit

Welche Ziele verfolgen wir bei unserer Öffentlichkeitsarbeit?

 1. Soziale Arbeit  soll von der Öffentlichkeit, der Fachöffentlichkeit und der Politik sowie den Medien zur Kenntnis genommen werden.

Dabei will Soziale Arbeit Achtung und Respekt für ihre Ausbildung und ihre Leistungen erfahren.

Es gilt zu informieren über die eigene Profession in folgendem Sinne:

  • Soziale Arbeit ist vorzustellen als das, was sie ist: akademisch, fachlich fundiert, differenziert, parteilich, engagiert
  • und was sie leistet (in welchen Bereichen macht sie was, wo mischt sie mit, wird aber nicht gesehen?) wie sie arbeitet (ihre Methoden, ihre Lösungen, die Komplexität der Problemlagen, die sie bearbeitet, gute Fall- und Arbeitsbeispiele)
  • sowie auch mit ihren aktuellen Problemlagen.
  • Es muss vermittelt werden, was Soziale Arbeit kann, was die anderen Berufe aber nicht können (Alleinstellungsmerkmale)
  • Es muss vermittelt werden, was Soziale Arbeit im Kern ist, welche methodischen und ethischen, welche theoretischen Grundlagen sie hat.·
     
    Gerade zuletzt Genanntes setzt allerdings voraus, dass die Professionellen selber diese Kenntnisse haben und von sich und den Potenzen und Kompetenzen der Sozialen Arbeit überzeugt sind und dass sie entsprechend qualifiziert arbeiten können.
  • Es muss vermittelt werden, dass wir Dinge können, die man erst lernen muss, die hohe Anforderungen mit sich bringen, die keineswegs jeder kann.
  •  Es muss vermittelt werden, dass Wirkung und Erfolg nicht so platt zu definieren und so einfach zu erreichen sind, wie es sich die Politiker vorstellen.

2. Soziale Arbeit soll als die „Expertin für Soziales“ erkannt, genutzt, geachtet, geschätzt werden.

  • Es muss klar werden, dass wir  mit sozialen Problemen und deren Ursachen und Lösungen täglich zu tun haben
  • Es muss deutlich gemacht werden, dass wir in allen sozialen Fragen die Verbindung zur Wirklichkeit der Betroffenen halten und gleichzeitig professionelle Einsichten zu den Hintergründen und den Lösungsansätzen entwickelt haben.
  • Wir müssen der Öffentlichkeit und der Politik – aber auch unseren möglichen gesellschaftskritischen Bündnispartnern –  klar machen, dass wir eine gesellschaftliche Kraft sind, die sich für soziale Gerechtigkeit aktiv einsetzt und für Chancengleichheit, für Teilhabe aller und die für die Verhinderung  gesellschaftlicher Tendenzen wie Ausgrenzung, Diffamierung der sogenannten „neuen Unterschicht“ , die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich usf.
  • W ir müssen klar machen und beweisen, dass wir in der Lage sind – trotz unserer Abhängigkeit vom Geldgeber Staat –   kritisch auf die bestehenden Verhältnisse zu schauen.  

3.  Die Öffentlichkeit soll dafür sensibilisiert werden,   

  • dass die Soziale Arbeit zurzeit bedrängt und durch verschlechterte Rahmenbedingungen gehindert wird,
  • dass sie trotz immer ungünstiger werdender Bedingungen versucht, für ihre Klientel das Beste daraus zu machen,
  • dass wir sehr viel mehr könnten und bewirken könnten, wenn man uns wirklich ließe,
  • dass die voranschreitende Veränderung und Verkürzung der Sozialen Arbeit den Betroffenen (und das sind potentiell sehr viele) schadet.
  • Es muss vermittelt werden, dass Menschen nicht der Effizienz und den Gesetzen des Marktes unterworfen werden dürfen.

Damit soll  in der Öffentlichkeit eine Basis entstehen, auf der die gegenwärtigen Problemlagen und Gefährdungen, Kämpfe und Forderungen der kritischen Kräfte verstanden werden können und ihre Rechtfertigung mitgetragen wird.

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professionelles Selbstbewusstsein – wie können wir das erreichen – Fortsetzung

Fortsetzung Berufsidentität und professionelles Selbstbewusstsein

ZIELE UNSERER IDENTITÄTSARBEIT

  •  Es muss also darum gehen, Selbstbewusstsein zu entwickeln, solidarische Zusammenschlüsse zu fördern, Konkurrenz zwischen InteressenvertreterInnen abzubauen, solidarische Handlungsformen zu  lernen.
  •  Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die theoretische Vermittlung mit dem Inhalt „Was ist Soziale Arbeit“. Dies darf  aber  nicht abstrakt bleiben und isoliert stehen gelassen  werden, sondern mit ganz konkret mit Praxiserfahrungen verknüpft werden.
  • Professionelle sollten in der Lage sein, die Autonomie der eigenen Profession in der Praxis einklagen zu können. Das erfordert nicht nur Selbstbewusstsein und Mut, es erfordert auch Argumentationsfähigkeit und das konkrete Wissen um Zusammenhänge und Hintergründe
  • Ganz wichtig ist es, die VertreterInnen der Theorie dazu bringen, sich der Praxis zuzuwenden und Hilfestellungen für die Identitätsbildung zu geben.

 1. AKTEURE  im Kontext der Entwicklung einer selbstbewussten beruflichen Identität als SozialeArbeiterinnen

Es fängt zweifellos mit der AUSBILDUNG an der Hochschule an:

  •   Es wäre die Aufgabe der Hochschule,  im Rahmen des Studiums auch so etwas wie Stolz auf das eigene Fach und auf die spezifische berufliche Aufgabe zu vermitteln und die berufliche Identität zu fördern.
  • Das ist schwierig, wenn den Studierenden nur und im Wesentlichen von  WissenschaftlerInnen der Bezugswissenschaften Bilder über Soziale Arbeit übermittelt werden, ohne dass es eine klare „Führungsrolle“  der Disziplin Soziale Arbeit selber und ihrer VertreterInnen im Rahmen der Ausbildung zur Sozialarbeiterin gibt.
  • An den Hochschulen sollten die Vorstellungen der Bezugswissenschaften (z.B. Recht, Psychologie, Sozialmanagement) auf der einen und die Aussagen der Disziplin Soziale Arbeit auf der anderen Seite mit den Studierenden zusammen diskutiert und hinterfragt werden.
  • Auch die Vermittlung der Kernelemente Sozialer Arbeit und ihre Bedeutung muss natürlich im Rahmen der Ausbildung eine zentrale Stelle einnehmen, damit für die Studierenden ihre Profession selber überhaupt erkennbar und wiedererkennbar wird.
  •  Auseinandersetzungen, Argumentationen im Umgang mit verwaltungs- und betriebswirtschaftlich ausgerichteten Anforderungen und Vorstellung der Praxis müssten schon an den Hochschulen geübt werden.
  •   Und schließlich sind die Hochschulen auch der Ort, wo gemeinsames Handeln, Solidarität statt Konkurrenz und die Erfahrung des „Gemeinsam sind wir stark“ im alltäglichen Hochschulalltag und in gezielten Projekten  erfahren, entwickelt, gestärkt werden könnte.

 DieWISSENSCHAFT

hat  im Zusammenhang mit Berufsidentität und professionellem Selbstbewusstsein der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle. Je mehr sie dazu bereit ist, nicht distanziert über die Praxis zu forschen und sinnieren und sie nicht nur zu analysieren, sondern für eine wissenschaftlich geleitete, sozialwissenschaftlich geerdete professionelle Praxis ist der Fachwelt und der Öffentlichkeit gegenüber aufzutreten, des leichter wäre es für PraktikerInnen, sich als selbstbewusste Professionelle zu erleben und zu verhalten.

 DiePRAXIS aber muss selber anfangen,
sich zu rühren, das eigene Selbstbewusstsein zu entwickeln und zu zeigen.   

  • Für PraktikerInnen ist es eine schwere Aufgabe und  eine zusätzliche Belastung, diesen Schritt zu gehen. Alle sind bis unter die Augenlider eingespannt und rennen ihren Alltagsaufgaben hinterher. Keiner will kritische Worte hören oder sprechen. Dazu bleibt gar keine Luft.
  • Und dennoch hängt die Zukunft unserer Profession Soziale Arbeit (verstanden als den Menschen zugewandte Profession und nicht als sozialpolitische Dienstleistung für die Hüter des Humankapitals) davon ab, ob PraktikerInnen sich aufraffen, das verschüttete Selbstbewusstsein wiederfinden und verbreiten, den Anforderungen aus der neoliberalen und damit aus der ökonomisierten Denk-Ecke wiederstehen lernen und die Autonomie ihrer Disziplin und Profession  einklagen lernen.      
  • Das A und O auf diesem schwierigen Weg ist es, ob es kritischen PraktikerInnen gelingt, sich auf den unterschiedlichsten Ebenen und in allen möglichen Zusammenhängen zu vernetzen und gemeinsam zu agieren.
  • Es gilt, sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen, Informationen schnell weiterzugeben, kritische Initiativen und kritische Interessenvertretungen zu stärken oder zu gründen, Aktionen anzuregen, anzuleiten, Bündnisse zu schließen, gemeinsame Konzepte und Statements zu entwickeln.·
  • Es geht darum, dass sich die kritischen VertreterInnen unserer Profession zunehmend und immer lauter und mit einer Stimme zu Wort melden –  sowohl an ihren konkreten Arbeitsplätzen als auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen und Diskussionen.

2. RESSOURCEN  und WEGE

zur Entwicklung einer selbstbewussten beruflichen Identität als SozialeArbeiterinnen

 

Zusammenschlüsse

  • Arbeitskreise kritische Soziale Arbeit
  •   Gewerkschaften
  •  Berufsverband
  •  Gilde Soziale Arbeit e.V.
  •  Bündniss, regionale (z.B.: Jugend verschwindet in Berlin, Bremerbündnis) und überregionale  (z.B. Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit)
  • Fachverbände      

und auch jede informelle Form des Zusammenschlusses –

  • vom Sozialarbeiter –Stammtisch bis hin zum
    Unabhängiges Forum kritische Soziale Arbeit (www.einmischen.com)

 
Vermittlungsebenen und Instanzen

  • Hochschulen,
  •  Bundeskongress in Hamburg 13.-15.9.2012
  • Kritische Ringvorlesungen
  •   Vorträge
  •   Lehraufträge
  •    Tagungen
  •     Workshops

 Internetpräsens, die das gemeinsame Anliegn und die Identität als Sozialarbeitende stärkt

 

Aktionen um Präsens zu zeigen,

z.B.:

  •   Projekt „Tagebuch Soziale Arbeit“ (s. www.einmischen.com“)
  •   Tag der internationalen Sozialen Arbeit März 2013
  •    Aktion Soziale Arbeit in Berlin: 19.Oktober 2012
  •    Demonstrationen
  •    Kundgebungen
  •    Mahnwachen
  •    Unsichtbares Theater usf.
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Teil 1 Berufsidentität und gemeinsames Berufsverständnis in der Sozialen Arbeit

Gedanken zur Analyse des Iststandes:
Berufsidentität und gemeinsames Berufsverständnis in der Sozialen Arbeit

Das Selbstbewusstsein des einzelnen Sozialarbeitenden ist eher gering (keine vertiefte, „nur“ breite Ausbildung, nur „kleiner Psychologe“…, Identifikation mit der abgewerteten Klientel, geringer Status, Einkommen zum Teil am Existenzminimum, kein Bewusstsein von der eigenen beruflichen Autonomie…, Professionelle stellen sich in der Praxis oft Laienarbeit gleich, haben Hemmungen, sich als Professionelle darzustellen.

Der Zusammenhalt als Berufsgruppe ist oft sehr schlecht. Jeder kämpft so zu sagen für sich allein. Der Organisationsgrad in Gewerkschaften ist ziemlich gering. Der Berufsverband ist den KollegInnen eher unbekannt.
Deshalb gibt es auch keinen, der für die Profession sprechen kann, der sie nach außen inhaltlich, fachlich und berufspolitisch vertreten kann.
Schon die in Sachen Soziale Arbeit „engagierten“ Gewerkschaften bilden selber die Zerrissenheit und Marginalität der Sozialen Arbeit ab, s. GEW, s. ver.di
Es gibt dagegen unglaublich viele fachspezifische Zusammenschlüsse.

Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit gegeneinander auszuspielen ist auf diesem Hintergrund ein Leichtes.

Es gibt kaum ein Verständnis von „der“ Sozialen Arbeit. Die meisten PraktikerInnen würden ihre Arbeit arbeitsfeld- oder zielgruppenspezifisch benennen und beschreiben. KollegInnen aus voneinander weit entfernten Arbeitsfeldern haben nicht mehr den Eindruck, den gleichen oder gar denselben Beruf auszuüben.

Die theoretischen, ethischen und methodischen Kernelemente der Profession werden von den PraktikerInnen nicht mehr wahrgenommen, bestenfalls als ein dahinterstehendes, gut gemeintes Konzept, das aber nicht trägt.

Soziale Arbeit hat deshalb nur wenig Halt in sich. Soziale Arbeit nimmt oft einfach die Form und Gestalt an, die ihr von außen angeboten oder auch vorgeschrieben wird. Es gibt kein Selbstverständnis beruflicher Autonomie.

Nicht wenige Sozialarbeitende glauben selber nicht an ihre Professionalität und arbeiten aus dem Bauch heraus mit wenig oder eher zufälliger Qualität. Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit klaffen auseinander.
Die Theorie hält sich zurück, wenn es darum geht, Praxis zu orientieren. Theorie ist außerdem natürlich selber in unterschiedliche Positionen gespalten.
Damit bleibt die Kraft und bleiben die Chancen der Theorie für die Orientierung, Profilierung der Praxis nach außen ungenutzt.

 


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Öffentlichkeitsarbeit in der Sozialen Arbeit

Aufgaben und Problemstellungen der Öffentlichkeitsarbeit der Sozialen Arbeit,


mit diesem Thema werde ich mich in den nächsten Blogbeiträgen befassen.

Ausgangsgedanken:

Das Bild der Sozialen Arbeit in Öffentlichkeit, Politik, in den Medien oder auch bei KollegInnen anderer sozialer Berufe ist nicht das Bild, das wir selber von uns haben.

Die Öffentlichkeit sieht die Soziale Arbeit in großen Teilen so: „Soziale Arbeit kann jeder, sie wirkt nicht, ist viel zu teuer, man braucht dafür keine Ausbildung, das sind keine Fachleute, da gehe ich lieber gleich zu …

Die problematische, aktuelle Entwicklung in der Sozialen Arbeit wird deshalb auch meist als notwendige Modernisierung, als erforderliches Zurechtstutzen von Auswüchsen gesehen nach dem Motto: „Der Staat sorgt endlich mal dafür, dass diese Verschwendung aufhört….“

Die Medien verbreiten im Wesentlichen folgendes Bild: Soziale ARbeit in ihrem Alltag ist nicht interessant, sie ist  nur bei Skandalen spektakulär genug. Aber sie  ist geeignet sich durchaus fürs Fernsehnachmnittagsprogramm. Die Medien transportieren und bestätigen weitgehend das Bild, wie es in der Öffentlichkeit in weiten Teilen schon herrscht:
Die eigentliche Profession Soziale Arbeit wird nicht zur Kenntnis genommen, wird negiert, ihre Existenz wird unterschlagen, manchmal wird sie direkt geleugnet und  ihre Leistungen werden anderen Berufsgruppen zugeschlagen.

Die kritischen und sozial engagierten Medien handeln meistens leider nicht viel anders. Hinzu kommt, dass sie  – da sie die Soziale Arbeit nicht wirklich richtig wahrnehmen – auch deren Bedrohung nicht ernst nehmen und nicht kapieren, dass es sich bei der Berufsgruppe und ihren kritischen VertreterInnen um einen Teil der kritischen Bewegung dieser Gesellschaft  handelt. Damit bringt sich die linke, kritische  Bewegung um Akteure, die in ganz besonderem Maße von ihrem Aufgabenfeld her geeignet wären, gesellschaftliche Analysen zu leisten und Forderungen zu untermauern.

In der Politik wird die Soziale Arbeit heute als Besitzstand der Politik und der Verwaltung verstanden, die man ganz konkret zur Umsetzung neoliberaler, kostenreduzierender und neokonservativer Absichten nutzen kann.
Die kritischen Kräfte sind aus ihrer Sicht die „Ewig Gestrigen“.
Die Politik versagt der Profession ihre Autonomie, verleugnet das Doppelte Mandat – und sitzt am Hebel, weil sich Soziale Arbeit nur aus Steuermitteln finanzieren kann, da ihr AdressatInnen sie nicht kaufen können und weil ihre AdressatInnen sie auch gar nicht kaufen würden.
Da das oben beschriebene Bild in der Öffentlichkeit besteht, der Sozialarbeiterberuf in der Öffentlichkeit über kein klares Profil und über keine öffentliche Anerkennung und Achtung verfügt,  da es also keine Lobby für Soziale Arbeit gibt, da die Medien die Forderungen der Politik eins zu eins umsetzen und vor allem auch, da die Profession sich nicht wehrt, sich nicht mit einer Stimme zu Worte meldet und weil sie nicht über ein professionelles Selbstbewusstsein verfügt – ist es für die Politik ein leichtes, ihre Modernisierungsabsichten durchzusetzen.

Die weitere Fachöffentlichkeit (verwandte Berufsbereiche wie Lehrer, Ärzte, Sozialrichter, Psychologen) sieht in der Sozialen Arbeit keine eigene Profession, sondern eine eklektizistische vorgehende, nur begrenzt ausgebildete Truppe, die man als Hilfskräfte einsetzen kann. SozialarbeiterInnen sind keine FachkollegInnen, mit denen man auf Augenhöhe sprechen und verhandeln wird.

Folgerung:

  • Folglich ergibt sich als dringende Aufgabe der Profession Soziale Arbeit – ganz besonders in der derzeitigen Auseinandersetzung – dass sie daran arbeitet,das Bild der Sozialen Arbeit nach außen verändern.
  • Parallel dazu aber müssen wir an dem schlechten Zustand der allgemeinen Berufsidentität arbeiten und an dem oft viel zu geringen Selbstbewusstsein der PraktikerInnen. 

In den folgenden Texten möchte ich mich deshalb zunächst mit der notwendigen Berufsidentität in unserer Profession auseinandersetzen.

Anschließend mache ich mir Gedanken zu den Zielen, Aufgaben und Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit Sozialer Arbeit.

es folgt demnächst Teil 1:
Berufsidentität und gemeinsames Berufsverständnis in der Sozialen Arbeit – Analyse Iststand

 

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Mit den Wölfen heulen?

Tricksen – und alles bleibt beim Alten

In einem Workshop mit der Fragestellung: “Wie weit können wir weiterhin eine fachlich qualifizierte Arbeit leisten ohne der Wirtschaftlichkeit zu unterliegen?” sprachen wir lang über die Folgen der Ökonomisierung für unsere Profession und über die Tatsache, dass mit der Betriebswirtschaft die Soziale Arbeit von einer fachfremden Disziplin beherrscht und überformt wird, die nicht in der Lage ist, die Kernelemente und Kernanliegen der Sozialen Arbeit zu erfassen und zu berücksichtigen.

Dann ging es um konkrete Beispiele: Wie gestaltet man ein Gespräch mit dem Träger, dem Jugendamt, dem Auftraggeber, dem Chef, der abrechenbare, messbare Daten fordert?
Und ich traute meinen Ohren nicht: statt den Herrschaften auf der andren Seite der Medaille klar zu machen, dass genau diese Daten für das, worum es eigentlich geht, völlig aussagelos sind übertrafen sich die WorkshopteilnehmerInnen  in den Bemühungen, ihrem Gegenüber ihre sozialpädagogischen Ziele, Vorgehensweisen etc. dadurch schmackhaft zu machen, dass mit Zahlen, Daten
, Fakten argumentierten, die ihr Anliegen angeblich belegen könnten.
Statt also die Sprache der “Besetzer” unserer Profession zu verweigern, da, wo sie nicht weiter, sondern immer weiter weg führt von dem, was Soziale Arbeit eigentlich ist, bedienten sich die PraktikerInnen fleißig der Sprache der Betriebswirtschaft und kamen sich dabei besonders schlau und ausgefuchst vor.

Und alles bleibt beim Alten.

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